Der eindeutige Gewinner der Corona Krise in Sachen Mobilität ist das Fahrrad. Viele Studien und Bewegungsdaten der letzten Wochen zeigen das. In Zeiten von Abstand zum Mitfahrer meiden die Berufstätigen und alle diejenigen, die in die Innenstädte müssen und dürfen, die Öffentlichen Verkehrsmittel. Auch die vor wenigen Tagen eingeführte Maskenpflicht für Bus und Bahn hat nicht gerade für einen Ansturm auf den ÖPNV gesorgt. Die Pendler setzen wieder auf das eigene Auto, oder eben, und das ist die wirklich spannende Nachricht, auf den guten alten (oder neuen) Drahtesel. Wobei die Bezeichnung Esel gerade bei den modernen E-Bikes wohl eher falsch am Platze ist.

Pop-up Bike Lanes – die temporäre Fahrradspur kommt weltweit

Unzählige Städte haben inzwischen für diesen erfolgten und erwarteten Zuwachs an Bike-Traffic etwas unternommen. Von Berlin bis Paris, von London bis sogar nach Sydney entstehen mit ganz einfachen Mitteln neue, breitere Fahrradwege. Dabei werden auf Fahrbahnen, die bislang vor allem von Pkw und Co. genutzt wurden, Fahrradspuren aufgemalt und somit ohne großen Aufwand temporäre Bike-Lanes errichtet. Pop-up Kultur, hier mal auf der Straße selbst.

Passend dazu kam in Deutschland am 28. April eine Novelle der StVO in Kraft

Und wer kennt sie nicht: die Sorge als Fahrradfahrer beim Überholvorgang eines Pkw, Transporters oder Lkw zu eng überholt zu werden. Nun wurden in der jüngsten Novelle der Straßenverkehrs-Ordnung (StVO) ganz konkrete Mindestabstände verabschiedet. Der Mindestabstand beim Überholvorgang für Autos, Motorräder oder Nutzfahrzeuge beträgt nun innerorts 1,50 Meter und außerorts 2 Meter zu Fahrradfahrern und Fussgängern. Seit dem 28. April ist auch diese Abstandsregel Gesetz – und sie bleibt! Auch nach den Abstandsregeln in Zeiten von Corona.

Die temporären Fahrradspuren werden die Fahrradnutzung als Verkehrsmittel für die letzte Meile weiter verstärken. Neben den Verbesserungen für den Verkehrsfluss, vor allem zu den Stoßzeiten, helfen die Fahrten auf dem Zweirad auch bei der Fitness der Mobilisten.

Heute möchte ich einen Blick in die Ferne schweifen, denn Downunder erlebt das Fahrrad als Alltagsverkehrsmittel gerade seinen Durchbruch. Gerade in der Hauptstadt von NSW gibt es seit Jahrzehnten einen wahren Fitnesswahn. Ganz gleich ob als Läufer oder zu Wasser (Stand-up Paddle oder Surfboard) – die Einwohner von Sydney lieben Sport und konnten den auch nach Belieben ausleben, außer eben mit dem Rad.

Mein Blick nach Sydney: die Menschen wollen Rad fahren

Sydney ist eine der weltweiten Großstädte mit den niedrigsten Prozentanteilen an Fahrradfahrern, der Anteil der Fahrräder an den Verkehrsmitteln beträgt weniger als 1%. Dies ist nicht auf mangelndes Interesse der Bewohner oder Pendler zurückzuführen. Eine jüngste Umfrage im Osten Australiens legt nahe, dass 70 Prozent der Einwohner von New South Wales (NSW) jede Woche mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren würden, wenn es denn sicher wäre.

Gegenwärtig gibt Sydney weniger als 10 Australische Dollar (ca. 6 Euro) pro Person und Jahr für die lokale Fahrradinfrastruktur aus. Im Vergleich dazu sind die Ausgaben in London mit 41 AUD pro Bürger und Jahr und in Vancouver mit 50 AUD pro Jahr deutlich höher. Und das liegt in der Stadt an der australischen Ostküste sicherlich nicht am Mangel an Möglichkeiten. Vor Corona gab es in Sydney an jedem Wochentag zwei Millionen Autofahrten von weniger als zwei Kilometern Länge, von denen viele bequem mit dem Fahrrad hätten zurückgelegt werden können.

In Sydney fehlt bislang die Infrastruktur und der Wille, diese auszubauen

In Sydney fahren die Einwohner bislang nicht mit dem Fahrrad, weil es an der entsprechenden Infrastruktur fehlt. Für die australische Metropole hat die Regierung von NSW bereits einen Plan zur Bereitstellung eines Fahrradnetzes aufgestellt. Leider ist für die Umsetzung des Rollouts ein Zeitraum von 36 (!) Jahren angesetzt. Kann man so machen, muss man aber nicht.

Denn jetzt kommt die Überraschung: aufgrund von COVID-19 plant das zuständige Komitee in der Stadtverwaltung von Sydney mit einer Umsetzung eines Fahrradplanes innerhalb von drei (!) Jahren; als Teilprogramm zur wirtschaftlichen Stimulierung der örtlichen Unternehmen. Corona sei Dank? Nun zumindest zeigt sich auch hier, dass Mobilitätsentscheider in Zeiten einer Krise auch radikale Schritte zur sicheren und sauberen Mobilität in ihrer Stadt unternehmen können.

Mein Fazit zur aufkommenden Fahrrad-Kultur in den Städten rund um den Globus

So großartig diese Pop-up Fahrradwege in den Städten sind, umso wichtiger ist das konsequente Umsetzen dieser kurzfristigen Maßnahmen in konkrete Mobilitätspläne. Die Fahrradwege werden angenommen, sobald sie die Sicherheit ausstrahlen, die ein Fahrradfahrer für seine Fahrten sucht. Die Niederländer und Dänen haben es uns vorgemacht. Es kann gelingen, in den Städten dank einer geplanten Fahrradkultur die privaten Autofahrten zahlenmäßig deutlich zu verkleinern. Ich wünsche den Mobility-Entscheidern den Mut, diese sinnvollen Maßnahmen auch umzusetzen. Die Lebensqualität in unseren Städten wird dadurch dramatisch steigen.