Wer unseren Blog und meine Beiträge zu den elektrischen Tretrollern ein wenig verfolgt, der weiss, dass ich selbst ein großer Fan bin. Ich teste seit einigen Monaten E-Scooter auf deren Verträglichkeit im Alltag. Ganz gleich ob für die letzte Meile im Straßenverkehr in Augsburg oder München, oder als Spaßmobil am Starnberger See.

Für Pendler und für die Fernreisenden, die am Ankunftsort die letzten Meter oder Kilometer ohne ÖPNV oder eigenes Fahrzeug zurücklegen wollen, sind die E-Scooter der perfekte Begleiter. Und für die vielen Touristen in den Städten, entlang der Seen oder an der Küste, bedeuten diese elektrischen Zweiräder eine schöne Vergrößerung des eigenen Bewegungsradius, Spaß inklusive.

Auf in die Hauptstadt Berlin – der Hardcore Test für E-Scooter im Alltag

Nachdem wir in den deutschen Städten nunmehr von Angeboten deutscher und internationaler Sharing Anbieter ‘quasi überflutet’ werden, da liegt es nahe, dass ich mir bei meinem Besuch in Berlin zwei bis drei Stunden nehme, um meine eigenen Erfahrungen mit den Sharing E-Scootern hier in der Hauptstadt zu machen.

Ein erster Blick bei dem Hinaustreten aus dem Berliner Hauptbahnhof zeigt, dass die Anzahl an Zweirädern, die rund um das Gebäude mit der faszinierenden Glasfassade stehen, deutlich zugenommen hat. Während vor wenigen Wochen die Flinkster, Deezer und die roten Jump eBikes das Bild dominierten, so sind nun unweigerlich die hier geparkten E-Scooter in der Überzahl. Kein Wunder, denn mit den lokalen Startup Größen TIER und Circ, dem skandinavischen VOI und den amerikanischen Lime Tretrollern sind wenige Tage nach offiziellem Start gleich vier Anbieter in Berlin unterwegs.

Gruppen von E-Scootern prägen bereits heute das Stadtbild in Berlin Mitte

Verständlich erscheint mir auch, dass die E-Scooter am Bahnhof in besonders großer Stückzahl zu finden sind. Hier bewahrheitet sich die Aussage, die Flitzer seien die ideale Ergänzung zu ÖPNV oder gar der Deutschen Bahn. Bei meinem weiteren Blick durch die Straßen von Berlin zeigt sich jedoch, dass wir an vielen Stellen ganze Gruppen an E-Scootern verschiedener Anbieter finden.

Am Pariser Platz, vor dem Brandenburger Tor, um den Gendarmenmarkt, auf dem Weg zum Alexanderplatz – überall finden sich große Ansammlungen der Zweiräder von bis zu 15 Fahrzeugen. Da kommt bei mir unweigerlich das Bild der sich türmenden oder reihenweise umgekippten Obike Fahrräder aus München in den Sinn. Der Unterschied: wenigstens liegen die E-Scooter nicht überall herum. Später werde ich feststellen, dass die Apps der Anbieter nach Abschluss der Fahrten ein Foto der Parkposition erbitten. Ein erster Versuch, die Nutzer an ‘richtiges’ Abstellen zu gewöhnen.

Welche Gemeinsamkeiten und welche Unterschiede zeigen sich bei den einzelnen Anbietern?

Am Nachmittag geht es dann endlich los, mein persönlicher Kurztest der vier Sharing Anbieter steht an:

  • Circ
  • Lime
  • TIER
  • Voi

Alle vier Anbieter setzen auf dasselbe Preismodell: jeweils ein Euro bei Freischaltung des Fahrzeuges und 15 Cent für die Nutzung pro Minute. Diese Preise gelten weltweit, lediglich der US Dollar wird anstelle von Euro außerhalb von Europa eingesetzt. Im Grunde genommen erstaunlich, denn wenn sich eine Wettbewerbskommission das mal ansieht … – egal – denn so schließt sich der Preis als Differenzierung schon mal aus.

Erste Unterschiede gibt es bei den Lenkstangen und Bremsen der E-Scooter Modelle

Erste Unterschiede ergeben sich beim Blick auf die Lenkstangen der vier Fahrzeuge. Zwei der Anbieter (TIER und Circ) setzen auf die beiden (Pflicht-)bremsen an der Lenkstange, bei VOI und Lime gilt es neben der Vorderbremse (links) die auf dem Hinterrad sitzende Fussbremse zu nutzen. Ich selbst fahre seit Monaten mit meinem emicro Scooter ein Fahrzeug mit Fussbremse, muss jedoch sagen, dass die Vorder- und Rückbremse am Lenker gerade für Neulinge intuitiver ist.

Alle vier Fahrzeuge zeigten deutliche Gebrauchsspuren, eine vergleichbare Bereifung und ein recht stabiles Trittbrett. Gefühlt waren allerdings der TIER und der Circ E-Scooter am robustesten, hier klapperte nichts. Das kann an den bisherigen Einsatzzeiten der Fahrzeuge liegen, an der Nutzung der vorherigen Mieter, ganz klar – als ein erster Richtwert kam mir die Ausstattung der beiden Berliner Anbieter seriöser vor. Besonderes Plus beim E-Scoooter von Circ: zwei Halter (für ein Mobiltelefon und einen Becher) ergänzen die Lenkstange und sind sehr praktisch – das sind schon mal Pluspunkte!

Die Apps der vier E-Scooter Sharing Anbieter im Check

Die Apps der vier Anbieter sind ungefähr gleich aufgebaut. Sie alle geben einen kurzen Einstiegskurs, bitten um die Nutzung von Helm und raten zur Vorsicht. Das ist gesetzlich so vorgeschrieben. Leichte Vorteile sehe ich subjektiv hier bei VOI, die in nettem Design die wesentlichen Pflichten für den Fahrer nochmals aufbereitet haben. Mögliche Zahlungsmittel sind bislang bei allen Anbietern lediglich die Kreditkarten Visa und MC – hier rechne ich bald mit weiteren Auswahlmöglichkeiten wie etwa Paypal.

VOI bietet im Rahmen seiner Kommunikation in der App und im nachgehenden E-mail Austausch zusätzlich Punkte, die man als VOI. Scooter Trooper für die Fahrten erhält. Bei Lime bekomme ich mit Abschluss der Fahrt die Option, meine Fahrt zu teilen, d.h. ich kann zum Beispiel per E-mail oder Social Media von meiner Fahrt berichten. Die Lime App ist für mein Empfinden am klarsten aufgebaut, doch vielleicht kommt mir das nur so vor, da ich Lime zuvor häufiger im Ausland genutzt habe. Und bei TIER kommt umgehend das Bestätigungs-E-mail mit einer Rechnung als pdf – gerade für die Business User ist das recht praktisch.

Nicht alle Anbieter bieten das Pausieren der Fahrt – auch fehlt mir eine Reservierungsfunktion, so wie ich sie bei den Carsharing Anbietern kenne. 15 Minuten Vorlaufzeit, das reicht mir ja schon, um zum Beispiel meine Einkäufe zu erledigen, meinen Kaffee auszutrinken oder ähnliches, bevor ich dann den E-Scooter nutze.

Mein Fazit zu den Anbietern: alle vier E-Scooter vermitteln ein vergleichbares Erlebnis, qualitativ würde ich mich beim Fahrzeug selbst für den TIER oder den Circ Scooter entscheiden.

Was gilt es für die Städte im Umfeld zu verbessern?

Nun, hier beginnen jetzt meine Sorgen, die sich während meiner Testfahrten durch Berlin erhärtet haben.

Zunächst einmal empfinde ich die Abregelung der Geschwindigkeit auf 20 km/h als falsch. Sie ist zwar aus Sicherheitsgründen eingeführt worden, doch letztlich führt diese Begrenzung zu einer tatsächlichen Gefährdung der E-Scooter- und Fahrradfahrer. Da beide Spezis sich in Deutschland qua Gesetz den Fahrradweg teilen, ist die Geschwindigkeit bei den E-Scootern zu langsam, um sinnvoll mit den Fahrrädern auf dem Fahrradweg mitfahren zu können. Die E-Scooter werden mangels Geschwindigkeit zu einer Behinderung im Verkehrsfluss, müssen überholt werden, sofern das der Verkehr in den Städten überhaupt zulässt.

Mein Lösungsvorschlag: lasst eine Geschwindigkeit von 25km/h zu und wir sehen einen besseren Verkehrsfluss auf den Fahrradwegen.

Apropos Fahrradwege: von denen kann ja zumindest hier in Berlin Mitte kaum die Rede sein. Dort wo ein Fahrradweg auf die Straße gemalt war, da befindet sich entweder eine Baustelle, ein Lieferfahrzeug oder der Versuch endet abrupt nach der nächsten Kreuzung. Dagegen sind die Bedingungen in München oder Augsburg ein Traum – in Berlin Mitte ist Fahrrad und jetzt E-Scooter Fahren Stand heute ein gefährlicher Albtraum.

VOI und Circ E-Scooter in Berlin

Mein Lösungsvorschlag: wer die Menschen aus den Autos auf die Zweiräder bringen möchte, der muss sichere und verlässliche Infrastruktur bieten. Sonst wird das nichts, liebe Berliner.

Ich persönlich kenne jetzt lediglich einige Strecken in Berlin Mitte, die ich bei meinen Tests befahren habe. Ein Blick auf die Geschäftsgebiete der E-Scooter Anbieter zeigt jedoch, dass gerade in den Randgebieten Berlins, also als Ergänzung zur BVG oder Bahn, E-Scooter wertvolle Dienste leisten könnten. Dafür müssen die Gebiete zugänglich werden. Ist mühsam bei einer Stadt der Größe von Berlin, aber neue Mobilitätskonzepte müssen auch für den Stadtrand gelten und nicht nur für die Tourismushochburgen in Mitte.

Meine wichtigste Erfahrung an diesem Tag betrifft meinen eigenen Kopf

Mein wichtigstes Learning von diesem Tag auf den E-Scootern in Berlin betrifft jedoch die persönliche Sicherheit: ohne Helm kann ich zu einer E-Scooterfahrt nicht raten!

Ja ich weiss, die Sharing Anbieter werden jetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und sagen: was schreibt der Brecht da für einen Mist zum Thema Helm. Denn anders als bei den E-Rollern (die mit dem Sitz) wie etwa Emmy oder Coup kann man ja Helme an den E-Scootern nicht so einfach unterbringen. Doch mal ganz ehrlich: es ist uns ja auch nicht damit gedient, dass wir nach den ersten E-Scooter-Toten eingestehen, dass wir im Grunde genommen die Helme brauchen.

Ähnlich den Anbietern von Segway oder eBike Touren hier in Berlin werden wohl Tourenanbieter, die zukünftig E-Scooter nutzen, um Helme nicht herumkommen. Und für die Besucher von Berlin, die am Hauptbahnhof aussteigen und auf eigene Faust unterwegs sind: der Sportsupermarkt im EG der Bahnhofshalle hat Helme zu erträglichen Preisen – dort habe ich mir selbst kurzfristig meinen Kopfschutz für heute besorgt.

Die gute und die schlechte Nachricht zum Ende

Nun zu den beiden Nachrichten: die Gute vorweg – ich habe die heutigen Fahrten durch Berlin überlebt. Da ich in den vergangenen Monaten mit E-Scootern Erfahrungen sammeln durfte, kann ich diverse Gefahrensituationen gut lesen. Der Fussgänger, der plötzlich am Gendarmenmarkt auf die Straße läuft (chinesische Reisegruppen inklusive) oder der Lkw, der (noch) ohne Abbiegeassistent Unter den Linden mein Zweirad einfach nicht gesehen hat …

Doch was machen wir mit all den Gelegenheitsfahrern? In den USA ist die stärkst wachsende Zielgruppe der E-Scooter Fahrer mehr als 60 Jahre alt – ganz ehrlich, denen kann ich in Berlin heute kaum zu einer solchen Fahrt raten. Die wirklich schlechte Erkenntnis meines Erfahrungstests ist, dass Berlin selbst nur sehr bedingt geeignet ist, diesen Ansturm an E-Scooter Fahrern aufzunehmen.

Lasst uns an der Infrastruktur arbeiten, ausreichend breite Fahrradwege bauen, Helme aufsetzen, die Geschwindigkeit der E-Scooter auf 25km/h heraufsetzen und die Geschäftsgebiete vergrößern. Dann ergibt dieses wendige Spaßmobil auch in der Hauptstadt richtig Sinn. Und wir haben dann mit den E-Scootern eine echte Option am Start, um den Umstieg vom privaten KFZ auf elektrische Alternativen für die letzte Meile vorzunehmen. Ich wäre dabei!

Ich habe mir einen Helm für Berliner E-Scooter Fahrten gekauft …