Seitdem nun klar ist, dass das Elektroauto keine Übergangsentscheidung, sondern der Antrieb der Zukunft ist, seither diskutieren wir landauf und -ab über die Frage, wie viele Ladestationen denn nun dafür benötigt werden. Die Untergangspropheten behaupten nach wie vor, dass bei gleichzeitigem Laden aller E-Autos, die gesamte Stromversorgung in die Knie ginge: was für ein elender Blödsinn – lassen wir uns nicht von diesen Miesmachern verunsichern.

Berechtigt ist die Frage allerdings schon, wie viele Ladestationen wir denn tatsächlich benötigen, wenn wir den ehrgeizigen Zielen beim Ausbau der elektrischen Mobilität Rechnung tragen wollen. Dass wir in unsere Stromnetze investieren müssen und dass wir dabei auf nachhaltige Energie setzen sollten, das steht außer Frage.

Drei Diskussionspunkte möchte ich in diesem Post beschreiben:

Diskussionspunkt 1: die Möglichkeit das Elektroauto privat zu laden

Geladen wird bevorzugt zu Hause oder am Arbeitsplatz – das geht mir selbst so und vielen der Elektroautofahrer, die in Europa unterwegs sind. Ich habe mit Hilfe der Fördermittel des Bundes mir hier in Oberbayern eine private Wallbox eingerichtet, die nunmehr mein Elektroauto bei Bedarf mit grünem Strom versorgt. Die weiteren Vorteile wie ein warmes und enteistes Fahrzeug am Morgen nehme ich dabei gerne mit.

Allerdings ist dieses Vorgehen nicht in allen europäischen Ländern so einfach möglich. Das hängt im Wesentlichen mit der Möglichkeit zusammen, überhaupt auf privatem Grund Ladestationen zu errichten. Zwei Beispiele hierzu aus Ländern, die bereits mit einem hohen Anteil an Elektroautos aufwarten können:

In Norwegen können annähernd 70 Prozent aller Haushalte eine private Ladestation am Eigenheim anbringen lassen, denn sie wohnen in freistehenden Eigenheimen. Genau anders herum sieht es in den Niederlanden aus: hier wohnen gerade einmal 30 Prozent der Einwohner in freistehenden Häusern, der Rest in Mehrfamilienhäusern.

Privates Laden wird in Norwegen mit privaten Ladevorrichtungen und einer Vielzahl von AC Ladesäulen in den Städten ermöglicht. In Amsterdam, Rotterdam, Utrecht & Co. sind es die langsameren AC Charger, die fast überall in öffentlich zur Verfügung stehen.

Privates Laden in zwei europäischen Ländern mit unterschiedlichen Voraussetzungen aufgrund deren Wohnsituation. Die Adaption von Elektroautos ist dort äusserst erfolgreich, so geht der Umgang mit Mobilitätstransformation.

Bildrechte: Michael Brecht – Ladeerlebnis an der A9

Das Ladeerlebnis entscheidet über die Geschwindigkeit der Transformation

Ich weiß nicht, wer von euch schon einmal abends gegen 23 Uhr auf einem der Rastplätze entlang einer deutschen Autobahn in einen Ladegenuss gekommen ist. Auf der A9 zwischen Nürnberg und München gibt es da einige besonders gruselige Beispiele. Allesamt an bestehenden Tank und Rast Plätzen, zumeist versteckt hinter einem Schnellrestaurant, zwischen einer Spielhalle und Industriebrache liegen jeweils die Ladestationen. Kaum Licht, vermüllte Straßenränder und gerade jetzt im Winter voller schmutziger Schneereste. Ich fühle mich mit meinen 1,90 m Körpergröße generell ziemlich sicher, aber als Frau möchte ich hier ungern alleine im Fahrzeug für 10-30 Minuten chargen.

Wir müssen das Schnellladen zu einem Erlebnis machen. Ja, es ist alleine mit der Ladeinfrastruktur viel zu tun, aber wenn es uns nicht gelingt, den Ladenden ein Gefühl der Sicherheit und des Wohlfühlens zu vermitteln, dann wird das so nichts. Die IONITY Charger sind für mich eine lobenswerte Ausnahme. Und die Vorzeigeobjekte wie der Ladepark am Kamener Kreuz von EnBW oder Seed & Greet am Autobahnkreuz in Hilden schaffen ja genau das. So funktioniert der Wandel in Richtung E-Mobilität.

Diskussionspunkt 3: es gibt zu viele politisch motivierte Bremser in dieser Transformation

Irgendwie ist ja derzeit der Wurm drin, wenn wir über die großen Änderungen auf unserem Planeten nachdenken. Nicht nur für die Mobilitätsveränderungen gilt: wen immer man fragt, es gibt vor allem politisch und emotional getriebene Antworten. Wir haben sichtlich verlernt, auf Basis von Fakten vernünftig miteinander zu diskutieren und den Diskussionen Ratio und Taten folgen zu lassen.

Dabei befinden wir uns zur Zeit in einer dramatischen Transformation der Mobilität. Natürlich kommen hier immer wieder Fragen auf, die sich mit dem Sinn der Massnahmen, deren Geschwindigkeit und vor allem deren Kosten auseinandersetzen. Klar ist, dass auch hier in den europäischen Ländern ganz unterschiedliche Positionen herrschen. In Norwegen gibt es schließlich keine Autohersteller. Ein Stuttgarter, Wolfsburger oder Münchener Auto-Konzernlenker denkt an seine Arbeitnehmer und, eher kurzfristig, an seine derzeitige Rendite.

So lese ich in einer vom Europäischen Branchenverband ACEA publizierten Studie, dass die von der Politik für das Jahr 2030 vorgesehenen 3,9 Millionen Ladepunkte in Europa nicht ausreichten. Man rechne zwar ebenso wie die Politik mit 35 Millionen vollelektrischen und 13 Millionen hybriden Fahrzeugen auf Europas Strassen. Allerdings sei in der Berechnung der Politik nur mit einem durchschnittlichen Verbrauch von 12 kWh pro 100 Kilometer ausgegangen worden. Effektiv läge der durchschnittlich Verbrauch heute eher bei 20 kWh. ACEA nimmt zusätzlich an, dass gut 60 Prozent der Ladevorgänge in Europa an öffentlichen Ladesäulen vorgenommen werden, also deren Ausstattung demnach mit Vorrang anzugehen seie. So wird hochgerechnet, dass wir erst ab 7 Millionen Ladepunkten einigermaßen sicher die E-Autos in Europa mit Strom versorgen können. Konsequenz: alle sollen sich mehr Zeit lassen, der Verzicht auf Verbrennerfahrzeuge käme viel zu früh.

Für mich stellt sich hierbei weniger die Frage, wer denn jetzt richtig liegt. Was mich stört, das sind die Bremsbemühungen der Lobbyisten und gegenseitigen Schuldzuweisungen. Und diese elende Lethargie, die vor allem die Umsetzungen in Deutschland lähmt. Einfach mal machen, anpacken, das ist die Einstellung, die ich bei vielen der Verantwortlichen in den nordischen Ländern kennengelernt habe. Und, wie bereits mehrfach hier berichtet, liegen die Nordics mit ihrer Transformation zur elektrischen, nachhaltigen Mobilität nun mal ganz weit vorn.