Die Volkswagen AG und die Ford Motor Company bauen ihre globale Zusammenarbeit aus. Vor mehr als einem Jahr starteten die Gespräche zwischen den beiden Fahrzeugherstellern mit den inhaltlichen Schwerpunkten um Pick-Ups und das autonome Fahren. Jetzt kommt auf Wunsch beider Partner der Bereich der Elektromobilität hinzu. Zusätzlich verkündeten beide Unternehmen ein gemeinsames Investment in Argo AI – einem Spezialisten für das autonome Fahren.

Was ist der Hintergrund zu dieser Ausweitung der Zusammenarbeit?

 

Zunächst einmal wollen sowohl Ford als auch Volkswagen ihre jeweilige Wettbewerbsfähigkeit erhöhen, ihre Kosten dank Synergien senken und ihre Produkte noch besser auf die Wünsche der Kunden weltweit abstimmen.

Die Modellpolitik von Volkswagen in den USA braucht einen ‘Refresh’

In den USA muss sich Volkswagen deutlich breiter aufstellen als bisher. Die VW Limousinen und die US-Version des Passats gerieten in den letzten Jahren immer stärker unter Druck. Wer dort erfolgreich sein möchte, der benötigt einen großen Pick-up, und den hat VW trotz seines Amarok Modells nicht. Der ist für den Geschmack der Amerikaner zu klein und letztlich im Vergleich zu den Dodge Raman oder Chevrolet Silverado Modellen zu teuer.

Ford Motors benötigt dringend eine überzeugende Strategie für Elektrofahrzeuge

Auch wenn der amerikanische Fahrzeughersteller Ford Anfang 2019 ankündigte, bis zum Jahr 2022 gut 11 Milliarden US Dollar für die Entwicklung von 40 Elektroautos und Hybridfahrzeugen auszugeben, so fehlt beim genaueren Hinsehen bislang die Dynamik beim Umstieg auf Elektromobilität. Das ist im amerikanischen Markt mit seiner enormen Nachfrage nach schweren Pick-ups und SUV Modellen für die klassischen Hersteller auch schwierig. Der Druck der Newcomer wie Tesla oder der erwarteten elektrischen Modelle aus China von Faraday Future, Nio & Co. beschleunigte die Entscheidung von Ford, sich zukünftig gemeinsam mit VW um Elektrofahrzeuge zu kümmern.

Der Modulare E-Antriebsbaukasten (MEB) des Volkswagen Konzerns dient Ford als Basis

Die beiden Fahrzeughersteller setzen zukünftig auf den MEB Baukasten von Volkswagen. Als einer der ersten Automobilhersteller wird Ford auch den Modularen E-Antriebsbaukasten (MEB) des Volkswagen Konzerns nutzen. Ab 2023 will das Unternehmen ein emissionsfreies Großserienfahrzeug auf MEB-Basis für den europäischen Markt anbieten. Die Kalkulation der Amerikaner sieht mehr als 600.000 verkaufte Fahrzeuge auf dieser Basis innerhalb von sechs Jahren in Europa vor. Zusätzlich prüft Ford zurzeit, ein zweites Modell auf MEB-Basis für den europäischen Markt anzubieten.

Bildrechte / Image rights: Volkswagen MEB Baukasten

Im Herbst 2018 hatte VW mit dem ID. Buggy begonnen, seine elektrische Plattform anderen Fahrzeugherstellern anzubieten. Und nun hat Volkswagen mit den Amerikanern einen ersten wirklich großen, globalen Nutzer seines modularen Elektrobaukastens gefunden. Das Basismodell mit Motor, Antrieb und Akkupaket für die zukünftigen Ford eAutos kommt von Volkswagen und wird von der Ford Motor Company in Lizenz produziert.

„Die Skalierung unseres Modularen E-Antriebsbaukastens MEB senkt die Entwicklungskos- ten für emissionsfreie Fahrzeuge und sie erlaubt uns eine noch umfangreichere und schnellere weltweite Verbreitung von E-Autos. Das verbessert die Positionierung beider Unternehmen durch eine bessere Kapitaleffizienz, weiteres Wachstum und gesteigerte Wettbewerbsfähigkeit,” so Volkswagen CEO Diess.

Welche weiteren Investments planen VW und Ford in Sachen Elektromobilität?

Volkswagen hat seit 2016 umgerechnet rund sieben Milliarden US-Dollar in die Entwicklung seiner MEB-Architektur investiert. Allein im kommenden Jahrzehnt sollen mehr als 15 Millionen Neufahrzeuge aus dem Konzern auf dem MEB basieren.

Ford investiert insgesamt 11,5 Milliarden US-Dollar in die Elektrifizierung seiner weltweiten Fahrzeugpalette. Das umfasst auch die Nutzung der MEB-Architektur von Volkswagen. Damit will Ford zügig sein Angebot an Elektrofahrzeugen für europäische Kunden vergrößern und seine Nachhaltigkeitsziele erreichen.

Und es wird weitere Felder der Zusammenarbeit zwischen VW und Ford geben

„Unsere globale Allianz wird immer vielversprechender. Wir prüfen bereits weitere Felder, in denen wir zusammenarbeiten könnten“, so VW-Konzernlenker Herbert Diess. Volkswagen und Ford erweitern ihre Anfang des Jahres geschlossene Allianz. „In dem wir eine ganze Reihe von Synergien in verschiedenen Bereichen nutzen, können wir die Stärke unserer Allianz in diesem Zeitalter der intelligenten Fahrzeuge in einer smarten Welt auf einer globalen Ebene demonstrieren“, legt Ford-CEO Jim Hackett nach.

Ein weiteres Feld erschließt sich für VW und Ford mit dem autonomen Fahren

Die Vorstandsvorsitzenden von VW und Ford bestätigten gemeinsam in das auf autonomes Fahren spezialisierte Unternehmen Argo AI zu investieren. Durch die künftige Zusammenarbeit mit Volkswagen und Ford ist das Self-Driving System (SDS) von Argo AI das erste System für autonomes Fahren, das in Europa und in den USA gleichermaßen zum kommerziellen Einsatz gebracht werden soll. Für beide Hersteller erwies sich das Geschäftsfeld autonomes Fahren als zu teuer, um es jeweils alleine anzugehen.

Bildrechte / Image rights: Volkswagen – gemeinsames Investment in autonomes Fahren

Volkswagen und Ford wollen das SDS von Argo AI in eigenen Fahrzeugen unabhängig voneinander nutzen, um die jeweiligen Mobilitätsdienste der beiden Unternehmen auszubauen. Das SDS von Argo AI soll vollautomatisiertes Fahren nach SAE Level 4 ermöglichen und insbesondere Ridesharing und Lieferdiensten in Innenstädten neue Lösungen bieten.

Welche Summen investiert VW in Argo AI?

Volkswagen investiert insgesamt 2,6 Milliarden US-Dollar in Argo AI. Das ist zunächst ein Cash-Invest von einer Milliarde US-Dollar. Zusätzlich bringt Volkswagen seine Tochtergesellschaft Autonomous Intelligent Driving (AID) in die neue Einheit ein. AID wird mit 1,6 Milliarden US-Dollar bewertet. Bei der AID arbeiten rund 200 Experten, die bislang an den Technologien rund um das autonome Fahren für den Volkswagen Konzern gearbeitet haben.

Desweiteren wird Volkswagen über einen Zeitraum von drei Jahren Anteile an Argo AI für insgesamt 500 Millionen US-Dollar von Ford übernehmen. Ford wird die verbleibenden 600 Millionen US-Dollar seines geplanten Cash-Investments in Höhe von einer Milliarde US-Dollar in Argo AI einzahlen. Argo AI wird inklusive der vollständigen Transaktion beider Unternehmen mit mehr als 7 Milliarden US-Dollar bewertet.

Die globale Präsenz beider Hersteller bietet Argo AI die Möglichkeit, die Technologie in weiteren Märkten einzusetzen. Ford und Volkswagen werden im Gegenzug gleiche Anteile an Argo AI erhalten. Zusammen halten Ford und Volkswagen eine deutliche Mehrheit an Argo AI. Die restlichen Anteile werden für einen Incentivepool für die Mitarbeiter von Argo AI genutzt. Insgesamt beschäftigt Argo AI zukünftig 700 Mitarbeiter die Standorte in Deutschland bleiben voll erhalten.

Unser Fazit zum Ausbau der Mobilitätsanstrengungen von VW und Ford und Einschätzung im Vergleich zu den Wettbewerbern Daimler und BMW

Das ist ein ganz spannende Entwicklung, die da von VW und Ford vorangetrieben wird. Beide Fahrzeughersteller galten in den letzten Jahren nicht gerade als die potentiellen Gewinner in Sachen Elektromobilität oder gar autonomes Fahren.

Doch aus dem First-Mover BMW, mit seinem elektrischen BMW i3 und seinem Hybriden i8, ist ein Wackelkandidat geworden. Zu zögerlich erfolgen hier die weiteren Ankündigungen in Sachen eFahrzeuge, der CEO Harald Krüger dankt ab, die Mannschaft aus München glaubt gar, es gäbe keine wirkliche Nachfrage nach Elektroautos in Deutschland. Da hilft auch kaum, dass BMW in Sachen autonomes Fahren mit den ehemaligen Intimfeinden aus Stuttgart gemeinsame Sache machen will. Denn die Kollegen aus der Daimler Tochter Mercedes-Benz haben gerade genug zu tun in Sachen Aufräumarbeiten.

Am vergangenen Freitag wurde ein milliardenschwerer Quartalsverlust angekündigt, die Gewinnerwartungen vom neuen Daimler-Chef Ola Källenius gesenkt. Dieselabgas-Affäre, Airbag-Rückrufe und Absatzschwierigkeiten belasten das Ergebnis – das alles bei Mercedes-Benz. Wohl dem, der eine Ergebnis-starke Sparte wie Mercedes-Benz Truck & Bus hat, um die Probleme im PKW Bereich (etwas) aufzufangen. Das ausgerechnet diese beiden OEMs nun so unter Druck sind, das macht den potentiellen Erfolg von VW mit Ford eher noch signifikanter.

VW ist mit dem Ford Deal, neben der betriebswirtschaftlich hochinteressanten Lösung, ein Riesenerfolg in Sachen Image gelungen. Beide Unternehmen erzielen mit ihrem Investment in Argo AI Skaleneffekte sowie die geografische Reichweite auf dem Gebiet des autonomen Fahrens. Aus dem lange Zeit angezählten Volkswagen Konzern könnte tatsächlich dank aggressiver Strategie in Sachen Elektromobilität und autonomes Fahren einer der ganz großen Gewinner der nächsten Jahrzehnte werden.