Der deutsche Automobilhersteller Daimler hat sich bereits zum zweiten Mal an Fahrzeugen der Konkurrenz bedient und das über den inoffiziellen Weg einer Verleihfirma. Der aktuelle Fall bezieht sich auf ein Tesla Model X, welches ziemlich ramponiert zurückgegeben wurde. Im ersten Fall war es ein E-Transporter, der von der Deutschen Post mitentwickelt wurde.

„In der gesamten Automobilbranche ist es gängige Praxis, bei anderen Herstellern Fahrzeuge über Verleihfirmen, zum Beispiel für Vergleichsfahrten, zu beschaffen“, sagt ein Daimler-Sprecher gegenüber den Stuttgart Nachrichten. Also gängige Praxis. Doch was sich der Hersteller in diesem Fall leistete, könnte ein Ausnahmefall sein. Über 80.000 Euro Schaden gibt der Besitzer des Model X an. Doch die Informationslage ist undurchsichtig.

Model X über Sixt

Der süddeutsche Konzern Daimler  hat sich im Sommer 2017 ein Tesla Model X über den Autovermieter Sixt bestellt. Das vom Elektroauto-Pionier Tesla 2015 eingeführte SUV gilt als eines der sichersten seiner Klasse. Die US Behörde National Highway Traffic Safety Administration (NHTSA) führte mehrere Crashtests in diesem Jahr durch und der SUV räumte in jeder definierten Kategorie und Unterkategorie 5 von 5 Sternen ab. Ein Auto, welches viele interessante Aspekte für die deutsche Automobilindustrie liefern könnte. So interessant, daß unter fragwürdigen Methoden ein solches Model besorgt wurde.

Sieben Woche auf Herz und Nieren getestet

Insgesamt 7 Wochen verbrachte das SUV in der Obhut von Daimler. In dieser Zeit wurde das Model X  umfänglich und ohne Zurückhaltung getestet. Laut einem Bericht des Spiegel  bauten die Techniker das Elektrofahrzeug komplett auseinander. Nach dem erneuten zusammenfügen wurde der Wagen unter Extrembedingungen getestet: „unter anderem bei Hitze, auf einer Rüttelstrecke und einer Traktionsstrecke“.

DEKRA Report

„Allein die Schadensaufnahme hat bei der Rückgabe fast vier Stunden gedauert“, so der Besitzer Elektromotron gegenüber der Welt. Das Gutachten der Prüforganisation Dekra ergibt einen  Schaden von 15.674 Euro sowie ein Wertverlust von 2.000 Euro.  Bisher hat der Eigentümer von Sixt eine Entschädigung von 18.500 Euro erhalten.

Jener argumentiert jedoch mit einen höheren Verlustschätzung, insgesamt knapp 80.000 Euro. Der Wagen ließe sich in diesem Zustand nicht weiter vermieten. Ein Kunde der auf den Wagen bereits wartete, musste mit einem anderen Modell bedient werden, wodurch erneute Kosten entstanden. Kurz darauf gab auch noch die Antriebseinheit des Model X auf. Weitere Kosten seien die Reparatur selbst, der Arbeitsaufwand für die Firma und der Nutzungsausfall gewesen, sowie eine entstandene Vertragsstrafe für die Nutzung auf dem Testgelände.

Hoffen auf Entschädigung

Der Eigentümer kann nur auf eine Einsicht der Unternehmen hoffen. „Ich habe nicht das Geld, Daimler und Sixt zu verklagen.“ So der Besitzer, Manfred van Rinsum. Sixt hat sich bereits zu dem Fall geäußert und verlauten lassen, dass „keineswegs ein Schaden von mehr als 80.000 Euro entstanden“ sei. Die Pressemitteilung gibt die Behauptungen des Besitzers als „völlig willkürlich“ zurück. Es sei allen Beteiligten klar gewesen, dass der Wagen von einem „industriellen Kunden“ zu „Vergleichs- und Testzwecken“ eingesetzt werde.

Von Sixt wurde der Betrag des DEKRA Reports „binnen weniger Tage ohne weitere Diskussion erstattet. Dabei handelte es sich um einen Gesamtbetrag von rund 18.500 Euro (ohne MwSt.)“.

Derzeitige Situation

Nach mehrmaligen Schlichtungsversuchen von Daimler und Sixt scheint die Situation festgefahren. Daimler hat zur Befriedung der Situation der Firma Elektromotron, vertreten durch Herrn Manfred van Rinsum, am 6.12.2017 ein sehr faires Ankaufangebot für das Fahrzeug zu Marktkonditionen gemacht“ so der Hersteller. Nach Informationen der Welt handelte es sich um den Zeitwert des Autos plus einen Aufschlag.

Der Besitzer des Model X hat daraufhin eine Korrespondenz veröffentlicht, die zeigen soll, dass die Nutzung des Autos für Testzwecke ausgeschlossen war. Er pocht nun auf die Bezahlung zweier Varianten. Entweder die Erstattung der Kosten von rund 83.000€ für die Reparatur und den entstandenen Schaden oder die Erstattung des Neupreises von rund 185.000 Euro.

Aus den Mails geht hervor, dass man sich einig war, den Tesla nicht als Testfahrzeug zu missbrauchen: „Wir … gehen nach Ihrer Information davon aus, dass das Fahrzeug nicht ,artfremd’ (also z. B. außergewöhnliche Belastungen oder z. B. für Tests) verwendet wird und auch nicht technisch irgendwie ,verbastelt‘ oder ,zerlegt‘ wird.“ so die Mail des Besitzers. Der Sixt Mitarbeiter antwortete mit: „Das hört sich doch sehr gut an :-)“ und erklärte sich einverstanden.

Industriespionage?

Viele Verbraucher denken bei solchen Vorkommnissen direkt an Industriespionage, jedoch ist es gängige Praxis, dass man das Automobil der Konkurrenz kauft oder leiht und alle Einzelteile unter die Lupe nimmt. BMW hat sich zum Beispiel vor einigen Jahren einen Insignia von Opel ausführlich getestet. Nach der Sichtung der Details, hatte man erschrocken festgestellt, „Die Rüsselsheimer könnten einen viel höheren Preis für das Auto nehmen, so gut ist der.“ (Welt)

Stromer Offensive bei Daimler

„Die Automobilindustrie steht vor einer fundamentalen Transformation, und wir begreifen uns als treibende Kraft des Wandels“, ließ Vorstandschef Dieter Zetsche zur Grundsteinlegung im sächsischen Kamenz verlauten. (Quelle: Media Daimler) In Kamenz will Daimler mit seinem Tochterunternehmen Deutsche Accumotive komplexe Batterien für Mercedes-Benz und Smart bauen.

„Die Mobilität der Zukunft bei Mercedes-Benz stützt sich auf vier Säulen: Connected, Autonomous, Shared und Electric (CASE).“ Elektrisch wird bei Mercedes ab 2019 das Crossovermodell EQ C. Optisch wirkt der EQ wie ein Mercedes GLC. Bis 2023 folgen zwei weitere SUV und zwei Limousinen.

Also scheint es eine normale Schlussfolgerung, dass man sich ein KFZ einer der größten Konkurrenten auf dem Elektromarkt besorgt, um diesen in allen Details zu analysieren. Wahrscheinlich werden die Stuttgarter auch eigene Tesla selbst besitzen – wird jedoch noch ein weiteres Model für Testzwecke benötigt, ist auch der schnelle Dienstweg über einen Vermittler wie Sixt möglich.

„Die Anmietung von Fahrzeugen für Vergleichsfahrten ist in der Automobilbranche ein üblicher Vorgang“, so das  Unternehmen auf Anfrage der Welt.  „Werden die Fahrzeuge während der Miete beschädigt, kommt die Versicherung zum Tragen, und es wird eine Schadensregulierung vorgenommen.“

Fazit

Der Daimler-Konzern hat die Elektromobilität lange Zeit stiefmütterlich behandelt. Man hat die elektrische B-Klasse bereits wieder eingestellt und die Elektro-Offensive findet nur langsam Anlauf. 2019 wird Daimler erneut einen Elektrowagen auf den Markt bringen und man hinkt anderen Herstellern etwas hinterher. Besonders Tesla dürfte 2019 sein Model 3 in den Griff bekommen haben und ein Massenmarkt-fähiges Konkurrenz Produkt bieten.

Um die Offensive voranzutreiben hat man zu fragwürdigen Methoden gegriffen. Zwar ist es keine Industriespionage, aber auch nicht die feine englische Art. Auch die Leihe des Elektro-Transporters der Deutsche-Post-Tochter StreetScooter über eine Scheinfirma war durchaus fragwürdig. Vielleicht wäre es klug, in Zukunft die selbstgekauften Autos auseinander zu nehmen und nicht andere Firmen mit solchen Aktionen zu belasten. Daß man jedoch bei der Konkurrenz abguckt und nachschaut, sehe ich als durchaus verständlich an.

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