Der Vorab-Bericht zur neuen Fraunhofer-Studie kommt zu dem Ergebnis, dass durch Elektrifizierung in den nächsten zwölf Jahren zehntausende Jobs in der deutschen Automobilindustrie entfallen. Dabei entwickeln die Wissenschaftler drei Szenarien, die die ansteigenden Neuwagenanteile bis 2030 skizzieren sollen. 

Die drei Szenarien des Fraunhofer-Instituts

In der Studie entwickeln die Forscher unterschiedliche Szenarien zum Wachstum der eMobilität in Deutschland. Im Szenario 1 wird ein schwaches Wachstum von reinelektrischen Antrieben auf 25 Prozent der Neuzulassungen bis 2030 zugrundegelegt. Hinzukommen 15 Prozent Hybrid-Fahrzeuge. Damit würden 2030 immer noch 60 Prozent der produzierten Fahrzeugen rein auf den Verbrennungsmotor setzen. Doch selbst in diesem Szenario entwerfen die Wissenschaftler bereits den Wegfall von 11 Prozent der Stellen. (bei 210.000 Beschäftigten, die im Motorenbau tätig sind, sind das bereits über 23.000 Stellen)

Noch dramatischer klingen die Szenarien 2 und 3. Während im zweiten Szenario ein Anteil von 40 Prozent rein elektrischer Fahrzeuge und 20 Prozent Hybriden dargelegt wird, rechnet das Fraunhofer-Institut im Szenario 3 mit einer Elektrifizierung von 90 Prozent der Neuzulassungen (80 % elektrisch, 10% Hybride). Was für die gewünschten Fortschritte bei der eMobilität in der Gesellschaft eigentlich zu Jubelstürmen animieren sollte, hinterlässt bei den Gewerkschaften aktuell eher Sorgen. Denn selbst mit einem eingerechneten Aufbau von neuen Personalbedarfen für neue Antriebe, stehen unter dem Strich tiefrote Zahlen: Im Szenario 2 kommt das Fraunhofer-Institut auf einen prozentualen Stellenabbau von 40 Prozent, im Szenario 3 sogar auf 53 Prozent. 

Der IG-Metall-Vorsitzende Jörg Hofmann warnte jedoch vor Panik: “Die Herausforderung ist groß, aber zu bewältigen, wenn jetzt die richtigen Rahmenbedingungen geschaffen werden.” Auch das Fraunhofer-Institut IAO relativiert die eigenen Zahlen. Institutsdirektor Oliver Riedel stellt fest, dass der mögliche Arbeitsplatzverlust gemessen an der Gesamtzahl der Erwerbstätigen in Deutschland gering ist. Dennoch weist er auch darauf hin, dass es regional große Unterschiede gebe, die für einige Regionen beträchtliche Folgen haben könnten.

Kommentar: Wieso bleibt die Politik so träge?

Das Fraunhofer-Institut präsentiert in seinem Vorab-Bericht neue Zahlen und Szenarien, die sich zwar von eigenen, vorangegangen Studien deutlich unterscheiden, aber für die handelnden Akteure sicher entscheidend sind. (In früheren Studien wurde der Hybrid-Anteil deutlich höher bewertet, als jetzt.)

Politik und Unternehmen können nicht noch länger darauf pokern, dass sich eher ein “Szenario 1”  mit schleppend vorangehender Elektrifizierung durchsetzt. Auch wenn es massive Probleme beim Ausbau der Ladeinfrastruktur gibt, wird langfristig eine vollständige Elektrifizierung erfolgen. Daher heißt es jetzt endlich aufwachen! Der Gesetzgeber muss die Elektrifizierung intensiver vorantreiben, Investitionen mit mehr Fördermitteln unterstützen und die Unternehmen müssen endlich strategisch umdenken. Bestenfalls entwickelt man gemeinsam eine Strategie zur Sicherung der Arbeitsplätze trotz eMobilität und zur Behauptung der Wettbewerbsposition. Aber wie so oft sucht man in Berlin vergeblich Antworten zu drängenden Fragen der Digitalisierung.

Eine gewisse Trägheit ist man ja von der deutschen Politik gewohnt, insbesondere auch im Kanzleramt. Gerade die Arbeitnehmer-freundlichen und umweltorientierten Parteien könnten jedoch deutlich zeigen, dass ihr Selbstverständnis der Progressivität sich auch im politischen Handeln widerspiegelt. Manche könnten sogar nicht nur reden, sondern tatsächlich handeln, denn sie tragen auf Bundes- und Landesebene Regierungsverantwortung. Warum bleiben auch diese so träge und fokussieren sich längst nicht mehr auf die anstehenden Zukunftsaufgaben?

Die Fraunhofer-Studie fügt der langen Argumentationskette zum Wandel hin zur eMobilität jedenfalls einen weiteren Baustein hinzu. Dieser sollte Unternehmen, aber ganz massiv auch die Politik endlich zum Umdenken bewegen. Es muss JETZT gehandelt werden, wenn wir unsere Position auf dem weltweiten Automobilmarkt langfristig behaupten wollen.