Kurzes Update zur geplanten Fusion (Stand: 6.6.2019): Sie findet nicht statt, die angedachte Fusion, Fiat Chrysler hat in der Nacht vom 5. auf den 6. Juni das Angebot zurück gezogen. Hauptbegründung sollen scheinbar die politischen Rahmenbedingungen in Frankreich sein. Nach dem Skandal um den ehemaligen Renault CEO Carlos Ghosn, der scheinbar illegal Millionenbeträge entwendet hat, ist das ein zweiter großer Rückschlag für das französische Unternehmen. Somit wird das leider zunächst Nichts mit der Elektrifizierung meines Alfa Spider Oldtimers. Schade.

Hier mein ursprünglicher Bericht mit den Vor- und Nachteilen einer Fusion von FCA und Renault:

Es steht wieder einmal ein gigantischer Merger in der Automobilindustrie an. Am Montag verkündete Fiat-Chrysler sein Interesse an einem Zusammenschluss mit Renault. Die Franzosen haben ebenfalls am Montag das Fusionangebot bestätigt. Der Verwaltungsrat von Renault wolle das Potential einer solchen Fusion untersuchen, teilte ein Sprecher von Renault zeitnah nach der Ankündigung des amerikanisch-italienischen Herstellers mit.

Ich habe einmal genauer hingesehen, was eine solche Fusion aus Sicht der Elektromobilität bedeuten würde und wer von den beiden Automotive-Giganten davon am meisten profitieren könnte.

Wie sehen die Verkaufszahlen der beiden Fahrzeughersteller bislang getrennt aus?

Die amerikanisch-italienische Fusion von Chrysler und Fiat ist ja gerade einmal ein paar Jahre alt. Nach dem gescheiterten Versuch, Daimler und Chrysler gemeinsam als Marke zu positionieren, kaufte Fiat im Jahr 2014 Chrysler für gute 3 Milliarden Euro. Der gemeinsame Konzern heißt FCA (Fiat Chrysler Automobiles) und verkaufte im letzten Jahr 4,8 Millionen Fahrzeuge.

Die französische Groupe Renault ist zu 15% in Staatshand und brachte es alleine im Jahr 2018 auf 3,9 Millionen Fahrzeuge. Gemeinsam haben die beiden Fusionspartner also ca. 8,7 Millionen Fahrzeuge auf die Straßen gebracht. Interessant ist bei Renault die globale Partnerschaft mit Nissan und deren Anhängsel Mitsubishi. Zählt man all diese diversen Marken zusammen, so kommt man für das Jahr 2018 auf eine Summe von 15,6 Millionen verkauften Fahrzeugen.

Die bisherige Nummer 1 im Weltmarkt Volkswagen liegt bei verkauften Fahrzeugen deutlich zurück

Im Vergleich dazu liegt die derzeitige Nummer 1 unter den Fahrzeugherstellern Volkswagen mit ihren 10,9 Millionen Fahrzeugen deutlich zurück. Mit einer solchen Fusion wächst also ein echter Gigant heran. Doch was heißt das aus Sicht der Elektromobilität: wir haben einmal genauer hingeschaut.

Was sind die tatsächlichen Gründe für die potentielle Fusion von Fiat-Chrysler und Renault?

Weltweit steckt die Automobilindustrie in einem massiven Umbruch. Sämtliche Hersteller kämpfen mit hohen Investitionen in die neuen Themen Elektromobilität, Connectivity oder gar das autonome Fahren. Die Zusammenarbeit der beiden Wettbewerber BMW und Daimler auf dem Gebiet des autonomen Fahrens ist ja ein gutes Beispiel für die neuen Partnerschaften, die vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen wären.

Fiat-Chrysler und Elektrofahrzeuge – das ging bisher garnicht

Beim Thema Entwicklungen in Sachen Elektromobilität sind vor allem die Italo-Amerikaner von FCA sehr schwach aufgestellt. Der im Juli 2018 verstorbene frühere Fiat-Chrysler Chef Sergio Marchionne hielt vom Elektroauto rein garnichts. Fiat lebt seit gut zehn Jahren von den Verkaufszahlen seines Retro-Kleinwagens Fiat 500 inklusive den 500 L und 500 X Modellen.

Die Marken Alfa, Maserati und Ferrari haben kein Konzept für elektrische Antriebe

Den FCA Marken Alfa, Maserati und Ferrari fehlt bislang jegliches Elektrifizierungs-Konzept. Gerade vor dem Hintergrund von schärferen CO2-Richtlinien und damit einhergehenden drohenden Strafzahlungen ist das eigentlich vollkommen unverständlich.

Das ‘Aufhübschen’ der eigenen E-Schwäche durch die europäischen Tesla Verkaufszahlen zur Vermeidung von Strafzahlungen (wir berichteten) ist ja an und für sich schon ein Armutszeugnis. Doch auch die streng-gläubigsten Ferraristi und Alfa-Fans fragen heute bereits nach elektrischen Antriebsvarianten. Der kernige und typische Alfa oder Ferrari Sound lässt sich schließlich auch per Sound-machine erzeugen.

Klar ist: an Fiat-Chrysler gingen die Entwicklungen der Elektromobilität bislang komplett vorbei. Und da liegt die erste große Chance für den Konzern. Denn Renault und Nissan sind in verschiedenen Märkten auf dieser Welt Marktführer in Sachen eMobilität. Mit einem Mal hätte FCA den Zugriff auf das elektrische Know-How, das in den Nissan Leaf oder Renault Zoe und Z.E. Master Modellen steckt. Bäng!

Bildrechte: Michael Brecht – Nissan Leaf

Auch Chrysler profitiert von Elektro-Know-How aus Frankreich und Japan

Irgendwie sind die beiden Marken Chrysler und Fiat bislang in ihren Ursprungsländern verharrt. So scheiterte bis dato der Versuch von FCA, die Marke Alfa Romeo wieder zu einem Top-Seller in den USA zu machen. In den 70er und 80er Jahren war der damalige Alfa Spider schließlich ein echter Hingucker und wurde mit seiner sogenannten ‘Lippe’ und größerem Motor extra für den amerikanischen Markt aufgemöbelt. Heute ist von Alfa Fahrzeugen in den USA nicht viel zu sehen.

Genauso wirken die Chrysler Marken Dodge und Jeep als amerikanische Relikte aus Zeiten dicker SUVs und Pickups. Das ist zwar in den USA das nach wie vor dominierende Marktsegment für die Liebhaber schwerer Verbrenner, aber Innovation sieht im Automobilmarkt anders aus. Der Erfolg von Tesla gerade in den USA sei hier nur mal nebenbei erwähnt. Und so gilt auch für die Chrysler Fahrzeuge, dass eine Fusion einen sofortigen Zugriff auf die elektrischen Antriebe aus den Häusern Nissan und Renault möglich macht.

Wie profitiert Renault Nissan von dem anstehenden Merger?

Bislang sehen wir FCA als klaren Gewinner bei einer Fusion mit Renault Nissan. Doch auch für die Franzosen und Japaner ist ein solcher Zusammenschluss mit FCA von Vorteil. Dafür sehe ich zwei wichtige Gründe:

Renault kann mit Nissan nach der spektakulären Absetzung des ehemaligen Renault Chefs Carlos Ghosn endlich einmal wieder auf Augenhöhe sprechen. Einer in Japan bislang wenig geliebten Fusion von Renault mit Nissan (und Mitsubishi) stand diese Problematik Ghosn zusätzlich im Weg. Mit einer FCA im Schlepptau lassen sich vielleicht die Manager von Nissan eher zu einem Zusammenschluss oder einer Intensivierung der Partnerschaft überreden.

Bildrechte: Renault – geballte Kompetenz in Sachen Elektrofahrzeuge

Italienisches Design für Renault und Nissan – bellissima

Für mich gibt es einen ganz wesentlichen Vorteil für die Renault und Nissan Macher in einem Zusammenschluss mit den Italienern. Das Design – keine Frage ein vielleicht sehr subjektives Element! Während aus meiner persönlichen Sicht Renault bislang zwar frisch aber eben nicht gerade aufregend seine Fahrzeuge präsentierte, so empfinde ich die Fahrzeuge von Nissan als reichlich konventionell und über ein Design bei Mitsubishi brauchen wir erst garnicht zu reden. Mein Auge erfreut sich geradezu an den Alfa, Maserati oder auch den klassischen Fiat Formen. Bitte sendet die italienischen Designer nach Japan und Frankreich und helft, dort schönere Autos zu bauen. Subito.

Bildrechte: Michael Brecht – so schön kann italienisches Fahrzeug Design sein, hier ein Alfa Romeo

Was droht den Mitarbeitern und Zulieferern von FCA und Renault?

Wo viel Licht, da ist auch Schatten. Fusionen haben in der Regel neben den oben benannten Vorteilen auch Nachteile. Renault beschäftigt (ohne Nissan) bislang ca. 180.000 Mitarbeiter. Bei Fiat-Chrysler arbeiten an die 200.000 Kollegen. Werkschließungen soll es wohl nicht geben, zumindest nach jetziger Verlautbarung. Und doch wird es bei einer Überkapazität in der Automobilbranche spätestens mit Einzug weiterer elektrischer Fahrzeuge bei FCA auch um den Abbau von Stellen in den beteiligten Häusern gehen. Die Kostenvorteile werden zum Nachteil der beschäftigten Belegschaft.

Was bedeutet die angestrebte Fusion von FCA und Renault für die Zulieferer?

Mit seinem derzeitigen 15% Anteil hat der französische Staat einen starken Einfluss bei Renault und wird den bei Fragen eines drohenden Arbeitsplatzabbaus auch geltend machen. Dazu passt eine Stellungnahme aus dem französischen Wirtschaftsministerium.  Der Wirtschaftsminister Bruno Le Maire begrüßte in einer gestrigen Meldung zunächst die Fusion, die er als “große Chance” für Renault und für die europäische Automobilindustrie bezeichnete, die vor großen technologischen Herausforderungen steht.

Es gehe darum sich den chinesischen und amerikanischen Giganten zu stellen. Zu diesem Zweck stimmte er zu, dass das Gewicht des französischen Staates reduziert wird, von 15% auf 7,5%. “Wenn man sich die Kapitalstruktur von Renault ansieht, hat man den Staat, Nissan, Daimler, die Deutsche Bank, den Black Rock Investmentfonds. Das Kapital ist demnach bereits sehr diversifiziert”. Das Beibehalten einer Sperrminorität für die Regierung sichert den Franzosen ganz ausdrücklich die Mitsprache bei den anstehenden Umstrukturierungsmassnahmen.

In Italien sieht die Sache anders aus, denn hier gibt es zwischen Fiat Konzern  und dem Land keine emotionale Verbindung mehr. FCA ist kein rein italienisches Unternehmen mehr, sondern hat seinen Firmensitz in den Niederlanden und London und verdient sein Geld in den USA. Und auch wenn die Arbeitsplätze in der italienischen Zulieferer-Industrie am Erfolg der Marken Fiat und Jeep hängen, eine Sicherheit wird die italienische Regierung hier kaum aussprechen können. Klingt nicht nach ruhigen Zeiten in Turin und Maranello.

Mein Fazit zur anstehenden Fusion von Fiat-Chrysler und Renault

Die angestrebte Fusion von Fiat-Chrysler mit Renault ist für beide Seiten ein echter Gewinn. Doch der größte Profiteur wäre FAC. Den Italo-Amerikanern fehlt bislang eine echte Strategie zur Elektrifizierung ihrer Flotte. Selbst die Marken Alfa oder Ferrari könnten mit elektrischen Antrieben in das moderne Zeitalter gehoben werden. Den Erfahrungen der Renault Manager in Sachen Elektromobilität sei Dank.

Doch auch ich selbst als großer Fan elektrischer Fahrzeuge wäre mit einer solchen Fusion ein Gewinner. Ich habe die Hoffnung, dass die bislang eher schlicht anmutenden Designs der Renault und Nissan Fahrzeuge endlich mit italienischem Flair ausgestattet zum Kauf anregen könnten. Und meinen eigenen Alfa Spider aus dem Jahr 1987 zukünftig mit einem elektrischen Renault oder Nissan Motor auszurüsten: das könnte ich mir gut vorstellen.