Wenige Stunden bevor die Türen der Consumer Electronics Show (kurz CES) in diesem Jahr geöffnet werden, folge ich der Einladung von Daimler zu einer Präsentation auf dem Las Vegas Motor Speedway. Hier verkündete die Lkw-Sparte der Stuttgarter vor Medienvertretern aus aller Welt erstklassige Wachstumszahlen für das abgelaufene Geschäftsjahr 2018. Erstmals in der Geschichte des schwäbischen OEM werden auf der CES in Las Vegas Nutzfahrzeugthemen vorgestellt. Und wer sich zuvor fragte, was Lkw Innovationen auf der CES zu suchen haben, den möchte ich hier an die Hand nehmen und aufzeigen, mit welcher Dynamik die Themen wie automatisiertes Fahren mit den Kernthemen einer Elektronikmesse verschmelzen.

500 Millionen Euro werden für automatisiertes Fahren in den USA investiert

Die für den US Markt wichtigsten Nachrichten vorweg. Daimler Trucks investiert in den nächsten Jahren hier in den USA 500 Millionen Euro (rund 570 Millionen US-Dollar) in die Entwicklung hochautomatisierter Lkw (SAE Level 4). Außerdem schafft Daimler Trucks über 200 neue Arbeitsplätze, um binnen eines Jahrzehnts hochautomatisierte Lkw zur Marktreife zu bringen. Auf Nachfrage ordnete Martin Daum, Mitglied des Vorstands der Daimler AG und verantwortlich für Daimler Trucks & Buses, ein: “Wir gehen davon aus, dass wir diese Investitionen in einem Zeitraum von ungefähr vier Jahren tätigen werden.”

Freightliner seit 2015 autonom in den USA unterwegs

Daimler ist mit seiner NAFTA Mannschaft (also tätig in den USA, Kanada und Mexiko) in Nordamerika Vorreiter. Im Jahr 2015 bereits erhielt der Freightliner Inspiration Truck die bis dahin erste Straßenzulassung für ein automatisiertes Nutzfahrzeug in Nordamerika.

Vorstand Martin Daum erklärte hierzu: „Als einer der Branchenführer haben wir Pionierarbeit bei automatisierten Lkw geleistet. Jetzt heben wir die Automatisierung von Lkw auf ein neues Level: Wir bringen 2019 den ersten teilautomatisierten Freightliner Cascadia auf den Markt, und unser nächster Schritt sind hochautomatisierte Lkw. Hochautomatisiert fahrende Lkw erhöhen die Sicherheit, steigern die Logistikleistung und bieten unseren Kunden große Vorteile – und tragen damit wesentlich zu einer nachhaltigen Zukunft der Logistikbranche bei.“

Automatisiertes Fahren auf Level 2 im neuen Freightliner Cascadia

Mit dem Active Drive Assist (Mercedes-Benz Actros, FUSO Super Great) bzw. Detroit Assurance 5.0 mit aktivem Spurhalte-Assistenten (im neuen Freightliner Cascadia) bringt Daimler Trucks teilautomatisierte Fahrfunktionen in seine Serienfahrzeuge. Die angekündigten Innovationen für den US Markt finden sich in Europa bereits im dortigen Actros Fahrzeug. Daimler folgt als globaler Nutzfahrzeug Anbieter der Strategie, technische Innovationen zunächst in einem Teil der Welt aufzubauen und zu testen und dann sukzessive weltweit ‘auszurollen’. Jetzt setzen die Schwaben auf einen globalen Rollout seiner Funktionalitäten für automatisiertes Fahren.

Digitale Innovationen im Lkw, vorgestellt auf der CES 2019

Das neue System kann selbständig bremsen, beschleunigen und lenken. Im Gegensatz zu anderen Systemen, die erst ab einer bestimmten Geschwindigkeit eingreifen, ermöglichen Active Drive Assist und die Detroit Assurance 5.0 teilautomatisiertes Fahren in allen Geschwindigkeitsbereichen in einem Serien-Lkw. Eine aktive Querführung und die Verbindung von Längs- oder Quersteuerung in allen Geschwindigkeitsbereichen ergänzen die teilautomatisierten Funktionen. Hier setzt Daimler auf eine intelligente Verknüpfung von Radar- und Kamerainformationen.

Und gerade in diesem Beispiel findet sich eine erste Brücke zu den Themen der ursprünglich als Unterhaltungsmesse orientierten CES. Wenn sich am heutigen 8. Januar die Tore der Messe in Vegas öffnen, dann werden viele LiDAR und Radar Unternehmen ihre Innovationen zeigen. Das Zusammenspiel zwischen Radar, Kamera und LiDAR Sensoren, die sogenannte ‘Sensor Fusion’, wird eines der großen Themen der CES. Daimler selbst setzt genau diese Funktionen in seinen Trucks ein. Über 400 Sensoren sind pro Lkw im Einsatz, das ist quasi ein wahres Feuerwerk an digitaler Innovation.

Level 3 des bedingt automatisierten Fahrens wird als Stufe übersprungen

Ab diesem Jahr wird Daimler also mit seinem neuen Freightliner Cascadia teilautomatisierte Fahrfunktionen des sogenannten Level 2 anbieten. Somit stellt die US Tochter den ersten teilautomatisierten Serien-Lkw auf nordamerikanischen Straßen.

Doch damit nicht genug. Im Transportgewerbe ist Level 4 der nächste natürliche Schritt nach Level 2, um Effizienz und Produktivität für die Kunden zu steigern und die Kosten pro Kilometer signifikant zu senken. Daimler Trucks überspringt damit den Zwischenschritt des bedingt automatisierten Fahrens (Level 3).

Daimler Trucks baut auf das Zusammenspiel mit den Kollegen aus dem Geschäftsfeld Mercedes-Benz Cars. Die Lkw Entwickler übernehmen Entwicklungen aus dem PKW Umfeld, die auch für die Anforderungen von Transportunternehmen geeignet sind. Die schon jetzt verfügbaren Level 2-Systeme werden durch Innovation und die Neujustierung vorhandener Systeme auf Level 4 gehoben.

Hochautomatisier­tes Fahren auf Level 4 bedeutet dann, dass automatisiert fahrende Lkw in definierten Bereichen und zwischen definierten Knotenpunkten verkehren – wobei das System nicht erwartet, dass ein Benutzer auf eine Aufforderung zum Eingreifen reagiert. Was heißt das in der Praxis? Im derzeitigen Stadium werden solche Tests auf abgeschlossenen Gebieten wie etwa in Minen oder auf abgeschlossenen Containerhäfen abgehalten. Daimler plant bereits im Laufe des Jahres 2019 mit Testfahrzeugen auf amerikanischen Straßen autonom auf Level 4 Basis unterwegs zu sein.

Fokus für die Entwicklung für automatisiertes Fahren liegt in den USA

Der Fokus dieser Entwicklungen liegt hier in den USA und eben nicht im Heimatmarkt Deutschland. Dafür gibt es eine ganze Serie an Gründen. Hauptstandort ist das neue „Automated Truck Research & Development Center“ von Daimler Trucks & Buses in Portland (Oregon, USA). Gerade in Oregon finden die Schwaben quasi ideale Testbedingungen für den Einsatz autonomer Fahrten vor, auch wenn sich die Daimler Manager sich auf den konkreten ersten Einsatzort der Level 4 Fahrzeuge noch nicht festlegen wollen.

Fakt ist, dass in einigen US Staaten die gesetzlichen Rahmenbedingungen deutlich favorabler sind, als im kleinteilig agierenden Europa. Hinzu kommen die dank großer Fahrtstrecken und vorhandener Infrastruktur besseren Bedingungen auf den US Straßen selbst. Ganz gleich ob zwischen Los Angeles und Las Vegas oder weiter Richtung Houston in Texas: überall werden derzeit für das autonome Testen Extraspuren ausgebaut. Die USA präsentiert sich mit seinen Infrastruktur Bemühungen als bereit für den Aufbruch in das neue autonome Mobilitätszeitalter.

Die Platooning Bemühungen von Daimler Trucks sind gestoppt

Die Reissleine haben die Schwaben allerdings in einem weiteren Projekt gezogen. Vorstand Martin Daum verkündete in Vegas, dass Daimler keine Prioritäten mehr auf das Platooning setzt. Daimler investierte schätzungsweise 50 Mio. Euro in das Testfeld. Hierbei stellte man auf den vielen Tausend Testkilometern fest, dass die erzielbaren Einsparungen die Investitionen in Fahrzeug und Ausbildung der Fahrer nicht rechtfertigen. Gerade die sehr unterschiedlichen Fahrteinsätze und der kaum planbare Einfluss weiterer Verkehrsteilnehmer ließen bei den Tests die Einsparungen im Verbrauch auf unter ein Prozent sinken. “Lohnt nicht, allerdings haben wir für unsere Level-4-Lösungen gelernt”, so Martin Daum auf Nachfrage.

Fazit

Hier launcht ein globaler Nutzfahrzeughersteller im Vorfeld der CES 2019 eine ganze Serie an digitalen Innovationen. Die beiden zunächst schwer vereinbaren Themen wie ‘Automotive Engineering’ und ‘Konsumentenmesse’ verschmelzen. Willkommen im Zeitalter von globaler next-generation Mobility.