Es ist einiges los in Sachen Carsharing in Deutschland. Zunächst verkünden mit car2go und DriveNow die beiden großen, lokalen Platzhirsche ihren Zusammenschluss und sind jetzt unter SHARE NOW mit ihren mehr als 20.000 Fahrzeugen (global) aktiv. Dann erweitert der Autovermieter Sixt sein Angebot um die Sharing und Ridehailing Lösungen. Letzte Woche vermeldete das in Paris beheimatete Drivy seinen Merger mit Getaround aus den USA. Beide Anbieter vermitteln das private Carsharing und bauen somit den größten, weltweiten Anbieter. Allein in Deutschland zählt Drivy 300.000 Kunden.

Die Veränderungen im Carsharing Markt sind gewaltig

Zwei klassische Carsharing Anbieter gehen zusammen, ein Autovermieter erweitert sein Produktangebot um Sharing und der größte Anbieter für privates Carsharing entsteht per Merger. Bleibt die Frage, was denn die anderen Sharing Anbieter daraus machen? Die Bahntochter Flinckster, die Anbieter Cambio und Greenwheels (VW Beteiligung) aus dem klassischen Carsharing, Turo (Daimler Beteiligung), oder Sharoo aus der Schweiz?

Bislang weniger bekannt sind mit Oply und Stattauto zwei Sharing Anbieter, die beide mit einem auf die Nachbarschaft ausgerichteten Angebot antreten. Wir haben uns deren Lösung einmal angesehen und uns gefragt, ob sie beide überhaupt eine Chance im Lichte dieser großen Veränderungen im deutschen Sharing Markt haben.

Oply ist Carsharing ‘in deiner Nachbarschaft’

Oply bezeichnet sich selbst als ‘deinen Nachbar auf Rädern’. Bislang ist das Mobility Startup in den drei deutschen Großstädten Berlin, Hamburg und München aktiv. Das Unternehmen bietet eine Mischform von kurzfristigem Carsharing und eher auf einen oder mehrere Tage ausgerichteten Mieten eines Fahrzeuges an. Das kann sowohl die Familienlimousine, ein Sportwagen oder auch ein Transporter sein. Das Oply Geschäftsmodell ist quasi eine Kombination von DriveNow und Europcar, oder eben das kombinierte Angebot der ‘neuen’ Sixt App.

Oply setzt auf die Privatauto-Verzichter

Mit maßgeschneiderten Preismodellen in vier verschiedenen Fahrzeugkategorien steht in jeder Situation das Auto bereit, das man gerade benötigt, so die Theorie. Das kann dann der Wochenendeinkauf in Berlin sein ebenso wie der Wochenendausflug an die Ostsee. Oplys Zielkunden sind Städter, welche stets ein passendes Auto in ihrer Nachbarschaft zur Verfügung haben möchten. Und das Thema Nachbarschaft nimmt Oply wörtlich.

Die Hauptstadt Berlin ist bei Oply für das Carsharing in 55 Zonen aufgeteilt

Beispiel Berlin: die Hauptstadt ist in 55 Zonen aufgeteilt und jeder Zone eine lokale Flotte mit vier bis fünf Fahrzeugen zugeteilt. Wer dort ein Auto mietet, der muss es in der Zone auch wieder abstellen.

Schwerpunkt der 55 Zonen in Berlin sind die Stadtviertel, in denen die potenziellen Carsharing Kunden wohnen: in den Kiezen. Auf die Geschäftsviertel in Teilen der Berliner Innenstadt und Gebiete mit Parkraumbewirtschaftung verzichtete Oply bei der Zonenzuteilung. Somit spart sich das Startup teure Parkgebühren. Denn wie gesagt: der Zielkunde ist im Idealfall der Privatauto-Verzichter. Und der mietet von zu Hause aus sein Fahrzeug.

Wer steckt hinter dem Carsharing Anbieter Oply?

Am Berliner Alexanderplatz sitzt das Mobility Startup Oply. Die Muttergesellschaft von Oply ist ExaMotive und in Luxemburg ansässig. Oply CEO und Co-Founder Katharina Wagner ist in der deutschen Carsharing Szene keine Unbekannte. Bevor sie Oply gründete, war sie für vier Jahre „Head of Business Development“ bei der damaligen Daimler Tochter car2go. Sie launchte car2go erfolgreich in Madrid und Stockholm – den Standort Kopenhagen schloss sie wieder, nachdem dieser für car2go nicht profitabel zu betreiben war.

Die Expansion des Carsharing Angebotes nach England

Die Oply Muttergesellschaft ExaMotive erweiterte erst vor wenigen Wochen seine Aktivitäten nach Großbritannien. Dafür wurde der britische Carsharing-Pionier Co-wheels übernommen und zur Oply UK Limited hinzugefügt.

Insgesamt betreibt ExaMotive unter seinen beiden Carsharing Brands in England und den drei deutschen Städten mehr als 40 Carsharing-Standorte mit mehr als 1000 Fahrzeugen.

Stattauto wurde bereits 1992 in München als Carsharing Service gegründet

Das Angebot von Stattauto aus München existiert bereits seit den 90er Jahren. Im April 1992 wurde das Unternehmen gegründet, da steckte CarSharing selbst als innovative Verkehrsdienstleistung noch in den Kinderschuhen. Stattauto wollte für München als eigenständiger Sozialer Betrieb “sinnvolle Beschäftigungs- und Qualifizierungsmöglichkeiten für Zielgruppen der Benachteiligten bieten”. Inzwischen nutzen über 12.000 Kunden das CarSharing System, ca. 95% der Nutzer wohnen im Gebiet der Landeshauptstadt München.

Im Gegensatz zu Oply setzt Stattauto auf feste Stationen, an denen die Fahrzeuge wieder abgestellt werden müssen. Dieses stationäre Carsharing kennen wir auch aus Augsburg (Stadtwerke) und anderen Städten. Der Kundennutzen des Sharings von frei zu parkenden Fahrzeugen ist hier eingeschränkt um die festen Stationen für die Sharing Fahrzeuge.

Die Vorteile und Nachteile des Carsharing im eigenen Stadtviertel

Bei näherer Betrachtung ist die Idee, bestimmte Teile des eigenen Stadtviertels zur ‘Heimat’ der Carsharing-Autos zu machen, schon interessant für die Kunden. Der Vorteil vor Ort einen Oply Wagen in seinem Viertel zu finden ist durchaus interessant.

Der Nachteil dieses Modells ist, dass man im Rahmen der Parkplatzsuche für das Sharing Fahrzeug auch nur begrenzten Raum in seinem Viertel zur Verfügung hat. Oply definiert die verfügbare Parkzone mit 500×500 Metern. Da ist der Parkplatz gerade am Abend nach getaner Arbeit oder am Wochenende in den Stadtvierteln nicht unbedingt leicht gefunden.

Unser Fazit für die beiden Anbieter von Carsharing aus der Nachbarschaft

In Anbetracht der finanziellen Stärke der großen Wettbewerber wie SHARE NOW, Sixt oder auch den Alternativen zum Sharing aus der Ridehailing Szene wie UBER, Lyft & Co. sind Oply und Stattauto deutlich benachteiligt. Gerade internationale Expansionen, wie etwa derzeit von Oply Muttergesellschaft ExaMotive betrieben erscheinen mir als recht gewagt.

Andererseits hat das Thema Nachbarschaftshilfe und lokale Verfügbarkeit in den letzten Jahren deutlich an Charme gewonnen. Gerade als Gegenpunkt zu den globalen Mobilitätskonzepten von UBER (Ride-sharing) oder Bird (micro-mobility) setzen viele Menschen ganz bewusst auf die lokale Lösung. Quasi lokaler Wochenmarkt gegen Food-Discounter.

Es bleibt jedoch abzuwarten, inwiefern es Oply und Stattauto gelingt, diesen lokalen Esprit weiter zu vermitteln. Ausgerechnet in Deutschland, im Land der gelebten ‘Geiz ist Geil’ Mentalität, haben sich bislang meist die preisgünstigeren gegenüber den alternativen Angeboten durchgesetzt. Wir sind gespannt.