Wer in diesen Tagen in Frankfurt über die Internationale Automobil Ausstellung (IAA) schlendert, der könnte den Eindruck gewinnen, es seie alles beim Alten mit den Fahrzeugherstellern. Funkelnde Fahrzeuge, die Messestände perfekt abgestimmt mit dem Corporate Image der Anbieter, neue Logos und einige neue Anbieter. Soweit der erste Blick.

Doch wer ein wenig hinter den Kulissen recherchiert, der merkt, dass die größte deutsche Messe für Automobile tiefe Risse bekommen hat. Recht offen wird selbst während der IAA, die seit Donnerstag für den Publikumsverkehr (Fachpublikum bis inklusive Freitag, danach dann für alle Besucher) geöffnet ist, über Sinn und Zweck der Messe gesprochen. Was sind die Gründe für diese Zweifel an der Leistungsschau, die vom Verband der Automobilindustrie (VDA) alle zwei Jahre in Frankfurt (Main) veranstaltet wird? Ich habe hierzu meine Gedanken aufgeschrieben und frage ganz offen: brauchen wir die IAA noch?

Die Krise der IAA 2019 – viele Fahrzeughersteller fehlen

Schon vor der Messe war die Krise der IAA spürbar. Nachdem auf dem amerikanischen Pendant in Detroit im Januar dieses Jahres viele Hersteller der Messe fernblieben, sprangen den Frankfurtern in diesem Herbst ebenfalls viele namhafte Aussteller ab. Die Liste reicht von den Franzosen Renault und PSA Gruppe über Volvo (Polestar) bis hin zu Toyota, Lexus, Mazda und Subaru. Viele der Teilnehmer haben in diesem Jahr ihre Messestände deutlich verkleinert, BMW ist ein solcher Kandidat. Letztlich sind Standkosten mit einem Quadratmeterpreis von über 160 Euro eine hohe Bürde in den Zeiten, in denen bei den PKW Herstellern die Alarmglocken aufgrund von hohen Investitionen für die Zukunft läuten.

Die Kosten für die Umstellung auf E-Mobility sind für alle Hersteller immens hoch

Drohende Strafen aus dem nach wie vor nicht abgeschlossenen Dieselskandal, hohe Umstellungskosten in den Werken, Vertrieb und Service aufgrund der Elektromobilität – ich denke es gibt weltweit keinen Fahrzeughersteller, dessen Ausgabenpolitik derzeit nicht unter Beobachtung steht. Die Controllingabteilungen dürften bei der Verteilung der Marketingbudgets ein wichtiges Wort mitreden. Und da kommt die sehr teure IAA in Frankfurt gerade recht.

Die elektrischen Strategien sind überlebensnotwendig – aber wann ist der richtige Zeitpunkt dafür gekommen?

Doch selbst wenn man mit den Herstellern redet, die auf dieser IAA tatsächlich neue Elektroautos präsentieren, so wird man den Eindruck nicht los, dass die präsentierten Fahrzeuge nicht der Weisheit letzter Schluss sind.Die elektrischen Strategien der Fahrzeughersteller sind überlebensnotwendig – aber wann ist der richtige Zeitpunkt dafür gekommen? Schließlich sind die Verkaufszahlen zumindest im Autoland Deutschland spärlich, der Weg zu einem signifikanten Anteil in der Flotte der Unternehmen oder gar auf der Straße ist mühsam – und vor allen Dingen die Erfolgswahrscheinlichkeit voller Unsicherheiten.

Die deutschen Hersteller präsentieren erste, neue, elektrische Modelle auf der IAA in Frankfurt – bis auf Einen

VW präsentiert mit seinem elektrischen ID.3 den Startschuss in das elektrische Zeitalter. OK, mit dem e-Golf und dem e-UP! gibt es schon zwei eAutos der Marke Volkswagen. So richtig haben diese beiden alten Modelle dem VW Konzern jedoch nicht beim Sprung in das E-Zeitalter helfen können. Mit der ID Fahrzeugreihe kann das nun anders werden.

Brauchen wir die IAA? Mein kritischer Blick auf die Automobilmesse...
Bildrechte VW – der elektrische ID.3

Porsche trumpft mit dem Taycan im Hochpreis-Segment auf und greift damit den amerikanischen Herausforderer Tesla direkt an. Der ist übrigens traditionell nicht in Frankfurt vertreten, braucht er auch nicht, denn auf den Fluren der Messe wird ohnehin genug über das Tesla Model 3 und seinen Erfolg geredet.

Mercedes-Benz präsentiert mit dem EQC SUV und dem EQV-Van zwei elektrische Modelle, die beide auf großen Fahrzeugtypen des Hauses beruhen. Hier gibt es genügend Platz für die Akkus, der Wegfall des Motors und diverser Teile wie etwa Auspuff und Co. kompensiert annähernd gewichtsmäßig das höhere Gewicht der Batteriemodule. Vor allem der Van, der eine besonders junge Käufergruppe hat und für Familien und professionelle Shuttle-Services zugleich interessant ist, könnte als einer der großen Gewinner der Elektrifizierung deutscher Fahrzeuge hervorkommen.

Brauchen wir die IAA? Mein kritischer Blick auf die Automobilmesse...
Der E-SUV EQC von Mercedes-Benz
Bildrechte / Image rights: Daimler

Und was kommt aus München? Leider enttäuscht der ehemalige deutsche Vorreiter in Sachen E-Mobility auf ganzer Linie. Was haben die Bayern aus ihrem Vorsprung mit ihrem i3 (elektrisch) und i8 (hybrid) gemacht? Die Carbon-Zwickmühle mit dem zu kleinen Platzangebot für größere Batterien für größere Reichweiten schlägt jetzt so richtig zu. Da mag der neue elektrische Mini, der vom Konzern auf der IAA präsentiert wird, durchaus ein wenig Hoffnung versprühen, aber mit den restlichen Plug-in Hybriden lässt sich nun wirklich keine überzeugende E-Strategie des Hauses vermitteln. BMW ist für mich das traurige Beispiel, wie aus einem echter Innovator eine sogenannte ‘lame duck’ werden kann.

Wo sind die echten Innovationen in Frankfurt?

Von den obigen Fahrzeugen abgesehen, gibt es kaum signifikante Innovationen deutscher Hersteller in Frankfurt. Die Präsenz der Mobility Startups ist überschaubar, internationale Startups sucht man fast vergebens in Frankfurt. Ein paar internationale Fahrzeugmodelle mit wirklichem Innovationscharakter gibt es, wie etwa den BYTON M-Byte SUV, den Hyundai KONA electric oder RIMAC (für diejenigen die das nötige Kleingeld mitbringen) stehen auf der IAA. Reicht das, um die IAA als die Innovationsveranstaltung im Jahr 2019 zu werten. Sie ahnen es, für mich reicht das bei weitem nicht.

Driving Tomorrow – or not?

Hinzu kommt, dass der Slogan der diesjährigen IAA, Driving Tomorrow, sich quasi selbst überholt hat. Morgen Fahren, das wäre die deutsche Übersetzung, oder vielleicht besser: wie fahren wir morgen? Für mich ist die große Frage eher: wer will morgen eigentlich noch fahren? Wenn ich diese Frage mit meinen Kindern und deren Generation bespreche, dann diskutieren wir über Mobilitätskonzepte für die Städte und für das Land, über eine funktionierende Bahn, wir diskutieren die Frage, ob wir große SUVs in den Städten überhaupt fahren sollten. Eine Ausstellung, die auf Fahrzeuge und nicht auf Mobilitätslösungen fokussiert, die ist für die Käufergruppen von morgen kalter Kaffee.

Kein Wunder also, dass sich auch auf den Ständen der IAA Unruhe breit macht. Die großen Zulieferer sind ein gutes Beispiel für eben diese Unruhe. Nicht nur die sinkende Anzahl an Fahrzeugen, ein Abschwächen der Wirtschaftsleistung und die strukturellen Veränderungen aufgrund von eMobilität, Ridesharing & Co. treiben den Verantwortlichen bei Continental, Bosch, ZF & Co. Sorgenfalten auf die Stirn. Mal abwarten, welche Rolle die Klimaschützer spielen werden, die sich für die kommenden Tage in Frankfurt angekündigt haben.

Wir sollen die Mobilitätsanbieter ihre Lösungen präsentieren?

Nein, ich bin bei weitem kein Miesmacher – wer mich kennt, der weiß, dass bei mir das Glas eher halbvoll, als halbleer ist. Aber eine IAA in dieser Form hat sich überholt. Doch was nun, wie können die Mobilitätsdienstleister ihre Lösungen besser präsentieren?

Ich plädiere für kleinere, lokale Mobilitätskonferenzen und Ausstellungen. Gerne auch mit dem Incentive, auf solchen Veranstaltungen Probefahrten zu machen und bei Gefallen die Fahrzeuge direkt zu kaufen. Nutzen wir den Zugang zu den Menschen in den Städten und auf dem Land für eine offene Diskussion. Warum gelingt es uns zum Beispiel bislang in Deutschland nicht, den Nutzen von E-Scootern, E-Rollern und E-Bikes sinnvoll herüberzubringen? Diese elektrischen Zweiräder gehören für mich auf Mobilitätskonferenzen, nicht abgeschirmt auf einem Messegelände, sondern dort, wo die Nutzer leben. Die IAA hat sich überholt, es lebe die Präsentation von innovativen und digitalen Mobilitätskonzepten beim Nutzer selbst.