Das autonome Fahren ist nicht nur für die Automobilhersteller ein wesentlicher Baustein für die Mobilität der Zukunft. Ganz gleich ob wir über zukünftige Fahrten von Menschen oder den Transport von Gütern nachdenken. Das Fahren werden in zwanzig oder dreißig Jahren Automaten für uns übernehmen. Ein deutlich verringertes Unfallrisiko (mit einer Potenz von 100) wird uns allen klarmachen, dass wir zumindest auf den Standardstrecken besser und vor allem sicherer autonom unterwegs sind.

Wie finden wir gesellschaftliche Akzeptanz für das autonome Fahren?

Neben dieser rationalen Komponente, wie der geringeren Anzahl an Unfällen, braucht es eine gesellschaftliche Akzeptanz für das autonome Fahren. Daran forschen sämtliche Fahrzeughersteller. In Deutschland haben BMW, Daimler und VW in den vergangenen Tagen bekannt gegeben, dass sie sich dieser Mammutaufgabe ‚Autonomes Fahren‘ zukünftig gemeinsam stellen wollen.

Ich wurde in dieser Woche Zeuge eines Forschungsprojektes bei Mercedes-Benz in Stuttgart. Die Schwaben betrachten Empathie und Vertrauen als zentrale Faktoren für die Akzeptanz selbstfahrender Fahrzeuge. Denn um als Mensch Vertrauen zu einer Maschine zu fassen, müssen wir unmittelbar und intuitiv erkennen können, was eben diese Maschine, oder in unserem Fall ein autonomes Fahrzeug, vorhat. Um genau dieses sogenannte „Informierte Vertrauen“ zu erkunden, bauten die Forscher von Mercedes-Benz ein ‚kooperatives Fahrzeug‘.

Wie bekomme ich autonomes Fahren auf die Straße, ohne dass die Umgebung verunsichert ist?

Alexander Mankowski ist Leiter der Zukunftsforschung für Mercedes-Benz und somit für den Teil zuständig, der zu der Akzeptanz des autonomen Fahrzeuges führen soll. Die Frage ist also: wie kriegt man autonomes Fahren auf die Straße, ohne dass die Menschen in der Umgebung ein schlechtes Gefühl oder sogar Angst empfinden, wenn diese selbstfahrenden Fahrzeuge in ihrer Nähe unterwegs sind?

Auch für die Forschenden ist dieses Themengebiet neu. So wurde früher in der Mobilitätsforschung eher über Unfallforschung und die Vermeidung dieser Unfälle erkundet. Jetzt gilt es zu entdecken, warum etwas funktioniert und nicht wie man etwas vermeiden kann.

Was ist das sogenannte ‚kooperative Fahrzeug‘ von Mercedes-Benz?

Das sogenannte ‚kooperative Fahrzeug‘ auf Basis einer S-Klasse verfügt über eine 360-Grad-Lichtsignalisation. Diese kooperative S-Klasse informiert ihre Umwelt zunächst, wenn sie ihren Betrieb aufnimmt, also während sie noch am Straßenrand steht. Die Lichtbänder rund um das Fahrzeug erzeugen ein entsprechendes Lichtsignal. Die Außenspiegel klappen aus, zunächst heben sich das Heck und schließlich die Front des Fahrzeugs. Diese Bewegungen erinnern an ein Lebewesen, das aufwacht und aufsteht. Das macht die Kommunikation für den Menschen intuitiv erfassbar.

Welche weiteren Signale gibt das ‚kooperative Fahrzeug‘ ab und was bedeuten diese Zeichen?

Türkise Leuchten auf dem Dach zeigen den autonomen Fahrmodus an und geben Auskunft darüber, was als nächstes passiert.

  • Permanent leuchtendes Licht zeigt: Das Fahrzeug ist im autonomen Fahrmodus, unabhängig davon, ob es fährt oder steht.
  • Langsames Blinken bedeutet: Das Fahrzeug bremst ab.
  • Schnelles Blinken kündigt an: Das Fahrzeug fährt in Kürze los.

Darüber hinaus werden mit dem Fahrzeug auch alternative Lichtkonzepte erprobt: Türkise Leuchtbänder in der Frontscheibe, im Kühlergrill, in den Scheinwerfern, den Außenspiegeln und im unteren Bereich der Scheiben markieren den autonomen Fahrmodus und informieren so Passanten und andere Verkehrsteilnehmer, dass das Fahrzeug eigenständig unterwegs ist.

Was wünschen sich Fußgänger von einem autonomen Fahrzeug?

Der 360-Grad-Lichtsignalisation kommt bei der Information von Fußgängern eine besondere Bedeutung zu. Mercedes-Benz führte hierzu in den vergangenen Monaten diverse Lichtstudien durch. Auf dem Testgelände in Immendingen wurde hierbei erforscht, wie Fußgänger in verschiedenen Verkehrssituationen auf unterschiedlich gekennzeichnete selbstfahrende Fahrzeuge reagieren. Das Ergebnis: die Lichtsignalisation ist ganz entscheidend für die Akzeptanz autonom fahrender Fahrzeuge. Sie hat einen direkten Einfluss auf das Sicherheitsgefühl der Fußgänger.

Insbesondere in Situationen, in denen bisher eine Interaktion mit dem Fahrer stattgefunden hat, wünschen sich Menschen eine Lichtsignalisation. Menschen sind es zum Beispiel gewohnt, Blickkontakt mit dem Fahrer zu suchen, wenn sie eine Straße überqueren möchten. Wird mittels Lichtsignalen kommuniziert, dass sich ein Fahrzeug im autonomen Fahrmodus befindet, kann sich der Fußgänger auch dann sicher fühlen, wenn die Insassen offensichtlich nicht auf das Verkehrsgeschehen achten. Interessant dabei die Farbwahl: die Probanden in den Tests mit dem ‚kooperativen Fahrzeug‘ wünschen sich die 360-Grad-Kommunikation in Türkiser Farbe.

Wird also die Karosserie anstelle des Fahrers zum Kommunikationsmittel bei autonomen Fahrzeugen?

Das Forschungsteam von Mercedes-Benz arbeitet hier mit weitergehenden Visionen, die ein „Informiertes Vertrauen“ zwischen Mensch und Maschine ermöglichen sollen. Hierzu verwandeln die Experten die gesamte äußere Fahrzeughülle zum digitalen Kommunikationsmedium für eine 360-Grad-Kommunikation.

Die Geschichte der digitalen Studien bei Mercedes-Benz zum Thema autonomes Fahren und Kommunikation

Bereits im Jahr 2015 hatte Mercedes-Benz mit dem Forschungsfahrzeug F 015 zu diesem Themengebiet geforscht. Das Fahrzeug verfügt unter anderem über einen digitalen Grill, der als Kommunikationsmedium genutzt werden kann.

Im Jahr 2016 nutzte der Vision Van diesen ‚kommunizierenden Grill‘ bei einem Feldversuch der Paketzustellung auf der letzten Meile. In Zürich testeten Mercedes-Benz Experten die Studie eines elektrisch betriebenen Transporters mit integrierten Lieferdrohnen. Ein Projekt, welches gerade in der Schweiz große Aufmerksamkeit erzielte, da es im realen Alltag im Züricher Berufsverkehr getestet wurde. Das Konzeptfahrzeug war mit digitalen LED-Anzeigen an Front und Heck ausgestattet. So konnte das Fahrzeug zum Beispiel den nachfolgenden Verkehr mit Botschaften wie „Fahrzeug hält“ warnen.

Im Jahr 2018 wurde nun mit dem Vision URBANETIC als Konzeptfahrzeug dieses Motiv aufgegriffen. Das Konzept aus einer autonomen Fahrplattform mit wechselbaren Modulen für den Gütertransport und die Personenbeförderung kann über ein „digitales Shadowing“ auf der Karosserie mit seiner Umwelt kommunizieren. Dort erscheint zum Beispiel der Schatten eines Fußgängers, wenn die 360-Grad-Sensoren des Fahrzeugs ihn in unmittelbarer Nähe wahrgenommen haben. Der Fußgänger kann sich aufgrund dieser Interaktion sicher sein, dass er erkannt wurde, und entsprechend handeln.

Mein Fazit zu diesem Forschungsprojekt mit dem ‚kooperativen Fahrzeug‘

Es geht in diesem Forschungsprojekt bei Mercedes-Benz um die non-verbale Kommunikation zwischen Passanten und autonomem Fahrzeug. Das selbstfahrende Fahrzeug wird für seine Passagiere zu einem geschützten Raum. Und auch die außen befindlichen Passagiere und Verkehrsteilnehmer werden in die Kommunikation mit eingebunden. Wie das geht und wie mit Hilfe von Zeichen, Licht und Tönen Vertrauen zwischen Mensch und Maschine aufgebaut werden, das werden die Experten weiter erforschen.

Mir selbst hat dieses Gespräch mit den Forschern erneut gezeigt, wie komplex die Zukunft der Mobilität ist. Es wird darauf ankommen, die Menschen auf der Straße in diesem Prozess mitzunehmen. Vertrauen ist daher ein wichtiges Element des zukünftigen mobilen Zusammenseins. Kooperative Aktivität beruht auf gegenseitiger Empathie, auch und gerade wenn es sich bei dem anderen Verkehrsteilnehmer um einen Automaten handelt.