Ich treffe heute Alessandro Cacciola, Vorstandsvorsitzender und CEO der Andreas Schmid Group aus Gersthofen bei Augsburg zu einem Gespräch. Alessandro, zunächst einmal ein gesundes neues Jahr – ich hoffe du hattest ein ruhiges und friedliches Weihnachtsfest.

Alessandro Cacciola (AC): Dir auch ein gesundes und frohes neues Jahr! Ja, wir haben ein frohes Weihnachtsfest im Kreis der Familie verbracht, danke.

MB: Lass uns einmal auf das vergangene Jahr zurückblicken. Was ist aus Sicht eines Logistikdienstleisters im vergangenen Jahr so alles geschehen und was bewegt euch in dieser Zeit?

AC: Da sind ganz viele Themen zu nennen, die politisch, gesellschaftlich, aber auch wirtschaftlich prägend waren….aber der Reihe nach.

Das Highlight unsere Branche war sicherlich die transport logistic in München, die nur alle zwei Jahre stattfindet und die größte Logistikmesse der Welt ist. Auch bei der diesjährigen Ausgabe konnte wieder ein neuer Aussteller- und Besucherrekord aufgestellt werden, was wiederholt zeigt, wie stark dieser Sektor wächst und wie wichtig die Rolle der Logistik in der Wirtschaft ist.

Kernthemen für einen Logistikanbieter in 2019/20

MB: Was sind denn die Kernthemen für einen Logistiker in 2019/2020?

AC: So wichtig die Logistik ist, so vielfältig sind auch die Themen die uns Logistiker beschäftigen. Themen die uns dieses Jahr (zum Teil wiederholt) beschäftigt haben sind untere anderem der Handelsstreit zwischen USA und China, der Fahrermangel, der Einsatz künstlicher Intelligenz, die Digitalisierung und alternative Antriebe.

Der Handelsstreit beeinflusst die Warenströme und stellt uns Logistiker in Bezug auf Mengenplanungen regelmäßig vor neue Herausforderungen.

Da wird selbst jedes noch so ausgereifte System der Forecast Planung ordentlich durchgerüttelt und auf den Prüfstand gestellt. Betrachtet man in der Luftfracht beispielsweise die Tradelane von und nach China, so gab es im Jahr 2017 noch eine deutliche Peak Season mit Laderaumknappheit, was in 2018 dazu geführt hat, dass die Ressourcen entsprechend hochgefahren wurden, um dann im Anschluß wiederum auf Grund einer ausgebliebenen Spitze in 2018 zum Angebotsüberschuss zu führen. In 2019 hat sich an dieser Thematik wieder nicht viel verändert und es fiel allen Beteiligten wiederholt schwer, den Markt richtig einzuschätzen.

Neue Technologien in der Logistikszene

MB: Inwiefern spielen hier neue Technologien für euch eine Rolle?

AC:  Hier kann man sicherlich davon sprechen, dass Big Data eben nicht nur das Konsumentenverhalten interpretieren, analysieren und bestenfalls voraussagen sollte, sondern eben auch weitere Einflüsse, wie überspitzt gesprochen, bestenfalls sogar die Gedankengänge einzelner Entscheidungsträger analysiert werden müssten, um Angebot und Nachfrage exakt in das Gleichgewicht zu bringen. Hiervon sind wir meiner Meinung nach noch ein ganzes Stück entfernt, allerdings wird sehr stark an diesem Thema gearbeitet, was uns Hoffnung macht, dass hier bald bessere Tools zu Verfügung stehen werden. Ob die dann auch Gedanken lesen können lassen wir mal dahingestellt (lacht), aber was eben gilt ist: je vorausschauender desto besser!

Eines der Hauptprobleme für die Logistik – der Fahrermangel

MB: Ich war in diesem Jahr mit vielen OEMs und Logistikanbietern in Kontakt, eines der Hauptprobleme, das immer genannt wird, ist der Fahrermangel. Trifft das auch auf euch zu?

AC: Der Fahrermangel stellt ebenfalls ein Ungleichgewicht von Angebot und Nachfrage dar. Hier könnte man sich die Frage stellen, warum dies denn ein Problem darstellt, da ja mittlerweile bereits von selbstfahrenden Lkw die Rede ist Ja genau, es wird darüber geredet und auch schon getestet, allerdings ist die Technik bei weitem noch nicht flächendeckend einsetzbar.

Selbst wenn vollautonomes Fahren zur Realität werden sollte, wird der Lkw Fahrer, evtl. in etwas abgewandelter Form, immer noch nicht redundant sein. Das Zeichnen solcher Szenarien sehe ich im Hinblick auf die Rekrutierung von Nachwuchsfahrern sogar sehr kritisch, da der Eindruck entstehen könnte, der Beruf des Berufskraftfahrers habe keine Zukunft mehr….

Das ist weit gefehlt und auf diese These antworte ich immer sehr gerne mit dem Beispiel des Flugzeugpiloten, der trotz Autopilot immer noch in der Maschine sitzt. Dies ist in meinen Augen 1:1 mit dem Lkw Fahrer zu vergleichen! Fakt ist nunmal, dass nach heutiger Prognose bis im Jahr 2022 ca. 150.000 Lkw Fahrer fehlen werden und dieser Umstand ein massives Problem unserer Branche darstellt.

MB: Was wären denn Lösungsansätze gegen diesen Fahrermangel?

AC: Gegenwirken kann man hier auf der einen Seite nur durch entsprechende Anreize, die diesen Beruf für Neueinsteiger interessanter machen. Auch wir haben hier zahlreiche Initiativen gestartet, da wir einen großen eigenen Fuhrpark haben und ständig auf der Suche nach guten Fahrern sind. Auf der anderen Seite benötigt man intelligente Planungstools, die den Transport effizienter machen und somit Leerfahrten reduzieren können.

Letzteres ist ein Thema was vor allem von jungen innovativen Startups sehr stark getrieben wird und eine klare Bereicherung für uns sein kann. Wenn die Technik der aktuell überall aus dem Boden sprießenden Plattformen so weit ist, dass über den Einsatz von Algorithmen und KI eine vorhersehbare, absolut effiziente Nutzung der knappen Ressourcen erzielt werden kann, wäre dies sicherlich auch ein weiterer Schritt in die richtige Richtung.

Die Rolle des Lkw als Transportmittel im Rahmen der Klimaschutz-Diskussionen

MB: Sprechen wir nun auch über den Lkw als Transportmittel.

AC: 2019 stand nicht zuletzt wegen der zahlreichen Demonstrationen ganz im Zeichen des Klimawandels und das ist auch gut so… Wir nehmen diesbezüglich eine ganz besondere Rolle ein, da wir ja auf den ersten Blick diejenigen sind, die mit Fahrzeugen durch die Gegend fahren und CO2 emittieren. Dass wir dies jedoch nicht aus einem Selbstzweck heraus machen, sondern einfach dafür sorgen, dass Güter zum Empfänger verbracht werden, wird leider oft übersehen.

Es stört mich einfach, wenn man sich über Lkw’s im Stau ärgert und den Spediteur beschimpft, weil er vermeintlich mit seinem Fahrzeug die Umwelt belastet, sich aber im Gegenzug keine Gedanken darüber macht, dass ALLES, was wir täglich konsumieren, eben transportiert werden muss. Hier heißt es dann cool zu bleiben und Toleranz walten zu lassen.

Das ist die wahre Herausforderung an unserem Beruf: Jeder braucht uns, aber nicht jeder bringt auch das notwendige Verständnis mit. Weiterhin ist das Marktumfeld auch noch schwierig, da die Dienstleistung möglich nichts kosten soll, aber immer zu 100% funktionieren muss.

Zudem hört man viele theoretische Szenarien, wie beispielsweise die Idee einer flächendeckenden Zustellung mit Drohnen als Ersatz für den Straßengüterverkehr. Nun bin ich ein großer Fan von Drohnen und sehe hier eine große Zukunft. Läuft man jedoch einmal über das Cross Dock eines Sammelgutspediteurs und schaut sich die zu befördernde Ware an, oder hält man sich nur einmal vor Augen, wie viele Millionen Sendungen tagtäglich zugestellt werden müssen, wird jedem klar, dass eine Drohne niemals das Allheilmittel sein kann.

Richtig eingesetzt kann man für bestimmte Anforderungen viel mit einer solchen Drohne erreichen, jedoch ist sie sicherlich kein vollständiges Substitut für andere Transportmittel.

Selbst der punktuelle Einsatz der Drohne ist jedoch wiederum gar nicht so einfach, da es häufig noch an den notwendigen Genehmigungen scheitert…..hier ist dann also die Politik gefragt.

Neue digitale Technologien für die Transportbranche

MB: Neue digitale Technologien in den Lkws und dann die neuen Antriebsformen, was heißt das aus deiner Sicht?

AC: Ja das ist so eine Sache. Da hört man oft Stimmen wie diese: “Lasst uns zumindest alle Diesel Trucks abschaffen und nur noch mit Elektro fahren.“

Ganz einfach eigentlich, oder? Weit gefehlt!

Erstens sind performante Modelle, die den Anforderungen eines im Güterverkehr eingesetzten Lkw entsprechen, noch gar nicht zu erwerben. Weiterhin sind die Lieferzeiten für die Fahrzeuge, die es schon gibt, sehr lang, die Akkus sind zu schwach, die Ladezeiten verhindern einen wirtschaftlichen Einsatz und der Anschaffungspreis liegt drei bis viermal über dem Preis eines herkömmlichen Verbrenners….

Zu Letzterem sollte dann noch diskutiert werden, was es für Ansätze geben kann, diesen hohen Anschaffungspreis zu kompensieren, ohne dass Spediteur oder Endverbraucher vollkommen alleine dafür aufkommen müssen.

Am Ende müssen wir beim Thema Elektroantrieb dann natürlich auch noch die Frage beantworten woher der Strom denn eigentlich kommen soll und wie es um die Nachhaltigkeit der Erzeugung und die Infrastruktur steht?!

eCommerce ändert die Struktur der Sendungen dramatisch

MB: Ändert sich denn nicht auch die Struktur der Sendungen selbst?

AC: Fakt ist, dass sich vor allem durch den steigenden e-commerce die Sendungsstruktur grundlegend ändert. Hatten wir „gestern“ beispielsweise noch viele Paletten mit Deo Rollern in den Supermarkt gefahren, so sind es heute schon weniger, dafür fahren wir jetzt einzelne Gebinde direkt zum Endverbraucher. Mit diesem Beispiel will ich deutlich machen, dass sich das Bestellverhalten ändert und somit logischerweise auch unsere Sendungsstruktur. Der Trend geht zu kleinteiligeren Sendungsgrößen mit steigendem Privatkundenanteil. Die Paketdienste sortieren zudem mittlerweile sogar nicht „förderband-konforme“ Pakete aus, da sie der absoluten Menge einfach nicht mehr Herr werden können, was zusätzlich dazu beiträgt, dass die zu transportierenden Güter des klassischen Spediteurs immer leichter werden, da die aussortierten „Großpakete“ ebenfalls bei uns landen.

Auf diesen Trend muss jetzt reagiert werden. Wir haben hierfür beispielsweise entschlossen, Lastenfahrräder in der Innenstadt zu testen, um den verschiedenen Ansprüchen möglichst gerecht zu werden und auch um unseren Teil zum Klimaschutz beizutragen. Wir fahren mit einem CNG betriebenen Truck klimaneutral auf einen zentralen Punkt in der Innenstadt und verteilen von dort aus mit den Fahrrädern an die Kunden. Weiterhin arbeiten auch wir nun auch an einer Technik, die Routen immer besser zu optimieren und effizienter zu gestalten.

Wir haben uns entschieden, die Zukunft so weit es geht selbst in die Hand zu nehmen und neue Technologien und Methoden zu ergründen. Aus diesem Grund haben wir sogar ein eigenes Enterprise Lab, das Andreas Schmid Lab gegründet. Dieser Prozess der Veränderung und das Infragestellen des Status Quo hat unser Unternehmen dieses Jahr ganz stark bewegt und auch im positiven Sinne verändert. Wir wollen querdenken und nützliche Neuerungen vorantreiben, ohne dabei jedoch irgendwelchen realitätsfremden Szenarien zu folgen.

Das sind die Wünsche des CEO von Andreas Schmid Logistik für das neue Jahr

MB: Was sind deine Wünsche für das neue Jahr?

AC:  Ich hoffe, dass die Entwicklung intelligenter Systeme zur Planung eines effizienten Ressourceneinsatzes in der Logistik weiter voranschreitet und die Plattformen so stark weiterentwickelt werden, dass sie einen echten Mehrwert in dieser Beziehung bringen. Auch wir wollen mit unserem Lab unseren Teil dazu beitragen.

Weiterhin wünsche ich mir, dass die zahlreichen Initiativen zur Gewinnung von Fachkräften in der Logistik weitergeführt werden und Früchte tragen, insbesondere was das Thema des Fahrermangels angeht. Wir freuen uns zudem über jede Bewerbung!

Weiterführende Technik im Transport, der Lagerung und dem Umschlag ist in meinen Augen ebenfalls äußerst notwendig, um den wachsenden Belastungen bei begrenzten Ressourcen Herr zu bleiben. Hier denke ich an Dinge, wie einen vollautomatisierten Lagerumschlag und beispielsweise den Ersatz des manuellen Scan-Vorganges durch alternative IOT Technologien, welche Vorgänge wie eben die Schnittstellenkontrolle und das Tracking und Tracing überflüssig machen und selbständig Daten übermitteln.

Wichtig sind außerdem weiterführende Konzepte zur intelligenten Steuerung der Innenstadtlogistik in Bezug auf die Verbringung der Waren zum Point of Sale, aber auch der Transport zum Endkunden. Die Abholung der Waren durch den Endkunden im Supermarkt bietet in meine Augen außerdem ebenso großes Verbesserungspotenzial.

Hierzu habe ich dann auch eine Frage an die Leser des eMobilität Blogs: „Haben Sie sich schon einmal Gedanken darüber gemacht, dass es eigentlich nicht unbedingt sinnvoll ist, dass sehr viele Menschen mit ihrem privaten PKW meist alleine in den Supermarkt fahren, ihren Einkauf erledigen, um dann mit ihren ein bis zwei Einkaufstüten mit ihrem mehreren Zentner schweren Fahrzeug alleine wieder nach Hause zu fahren und eventuell mit anderen „Einkäufern“ im Stau zu stehen? Ginge das vielleicht auch intelligenter…?

Weiterentwicklung der alternativen Antriebe ist ausdrücklich gewünscht

Eine Weiterentwicklung alternativer Antriebe im Hinblick auf Gas- und Wasserstofftechnologien sind in meinen Augen ebenfalls ein Muss. Persönlich glaube ich, dass diese Technologien Zukunft haben und einen echten Mehrwert bringen werden.

Zum Schluss wünsche ich mir noch, dass jedem bewusst ist oder wird, dass die Waren weiterhin so lange transportiert werden müssen, bis das „Beamen“ sich vollumfänglich und flächendeckend durchgesetzt hat… und das wird sicherlich noch etwas dauern (lacht!).

Uns allen wünsche ich jetzt aber ein gesundes, spannendes und innovatives Jahr 2020!

MB: Alessandro, wir danken dir für dieses ausführliche Gespräch und wünschen dem ganzen Andreas Schmid Team ein gesundes und erfolgreiches 2020. Vielen Dank.

Hier haben wir noch ein paar weiterführende Links zu unserer Serie zum Jahreswechsel:

Der Jungunternehmer Severin Mitterwald mit seinen Mobility Vorhersagen für 2020

Unser freier Autor Johannes Riese mit seinem persönlichen Blick auf Mobility in 2019 / 2020

Jakob Muus vom Transport- und Logistik-Startup Tracks