Die Münchner haben seit einigen Wochen bei der Wahl des Fahrradanbieters die Qual der Wahl. In der bayerischen Landeshauptstadt stehen neben 1.200 Deutsche-Bahn-Rädern (auch „Call-a-Bike“ genannt) und 1.200 Rädern der Münchner Verkehrsgesellschaft MVG (3.200 ab 2018) seit diesem Sommer 7.000 oBikes.

Die Dichte der gelben Mieträder von oBike in München ist derart hoch, dass man sie auf fast jedem Bürgersteig-Abschnitt antrifft, was bei vielen Einwohnern und in den Medien auf wenig Gegenliebe stößt. So ist es kein Wunder, dass die mittlerweile zum Stadtbild gehörenden Zweiräder bereits Gegenstand von Spaßvögeln und Vandalen auf Instagram geworden sind (z.B. unter #sad_obikes und #obikesofmelbourne) und ein regelrechter Wettstreit um die kreativsten und bösesten Streiche ausgebrochen ist. Dokumentiert sind z.B. oBike-Turmbau, auf Bäumen versteckte oder rosa-umgefärbte Räder. Gefühlt jedes zweite Rad, das am Wegesrand zu sehen ist, liegt aber, teils kaputtgetreten, dauerhaft auf der Seite oder im Gebüsch.

Die zugrundeliegende Wut konnte ich jedoch bislang wenig nachvollziehen, denn bei einem KFZ-Bestand von über 800.000 in München, Parkplatznot, drohendem Verkehrsinfarkt und gesundheitsschädlichem Feinstaubnebel müsste man doch über jede Verbesserung der Fahrrad-Infrastruktur dankbar sein.

So war ich persönlich sehr gespannt, ob oBikes auch im Gebrauch eine gute Ergänzung zu den anderen Wettbewerbern darstellen und konnte dies kürzlich bei einer Probefahrt selbst überprüfen.

Die Upsides

oBikes sind mit ihrem gelb-grau-schwarzem Design von weitem erkennbar und optisch modern gestaltet. Der Rahmen ist grau, während die übrigen Elemente in gelb und schwarz gehalten sind. Ein cooles Element stellt das reduzierte Design der Schutzbleche dar, wobei ich ihre Wirksamkeit mangels Regens nicht beurteilen konnte. Im Unterschied zu MVG- und Call-a-Bike-Rädern verfügt ein oBike über einen echten Metallkorb vor dem Lenker, der groß genug dimensioniert ist, um auch eine schwere Tasche, etwa mit den Wocheneinkäufen, noch gut zu transportieren. Die Räder haben zwei Bremsen für Vorder- und Hinterrad, die ihren Zweck ausreichend erfüllen. Durch Vollgummibereifung spart sich das asiatische Unternehmen sicherlich einigen Wartungsaufwand. Auf dem gut gepolsterten Sattel sitzt es sich aufrecht und bequem, während der Kettenschutz sicher vor Ölflecken auf der Hose schützt. Gut gelöst finde ich zudem den Einbau der Klingel: Ähnlich wie teilweise Gangschaltungen bedient werden, befindet sich im rechten Griff am Lenker ein drehbares Rad, das beim Drehen ein Klingelgeräusch erzeugt – clever und diebstahlsicher!

Erfreulich ist auch der reibungslose Prozess bei Entleihen und Rückgabe. Die App ist recht übersichtlich und einfach zu bedienen. Sie zeigt den Standort der Bikes in einer Google-Maps-Karte an sowie Geh-Distanz, Gehzeit, Route, und Nummer der jeweiligen Räder, aber auch Kalorienverbrauch und CO2-Einsparung. Hat man ein Fahrrad reserviert und anhand seiner Nummer identifiziert, findet sich auf dem Lenker einen QR-Code, der mit der App gescannt wird. Das kleine Schloss, das das Hinterrad mittels eines kleinen Bolzens blockiert, öffnet und schließt dann automatisch per Bluetooth-Signal. Das Ganze funktioniert schnell und problemlos.

Soweit so gut – nun zu den…

Schwächen des Konzepts der oBikes

Die Räder wiegen zwar gefühlt etwas weniger als ihre blauen und roten Konkurrenten, sind jedoch deutlich schwergängiger als diese. Die Tatsache, dass sie über nur einen Gang verfügen wird mitverantwortlich dafür sein, dass die Fahrt leider eine mühselige und schweißtreibende Angelegenheit ist, bei der auch geübte Radler nur geringe Geschwindigkeiten erreichen können. So muss man sich sogar schon etwas überwinden, bei Routen leicht bergauf oder mit etwas mehr Gewicht nicht abzusteigen und zu schieben. Auch bei günstigeren Bedingungen bleibt ein Fußmarsch für mich die bessere Wahl. Technisch haben die Räder von MVG und DB mit ihren Gangschaltungen klar die Nase vorn. Sie lassen sich auch über längere Strecken gut fahren.

Bezahlt wird per Sofort-Überweisung, PayPal oder Kreditkarte durch Aufladen eines Betrags von 5 bis 50 Euro. Im Normaltarif kostet die erste Fahrt 50 Cent – danach schlägt jede weitere Fahrt mit 1 Euro pro 30 Minuten zu Buche. Einen Euro pro halbe Stunde kostet auch der Service von Call-a-Bike im Basistarif (zzgl. 3 Euro Jahresgebühr), allerdings mit mehreren Gängen und Federung! Mehr abgerechnet, dafür minutengenau, wird bei der MVG. Diese bietet dafür ihre – im Qualitätsvergleich besten – Fahrräder für dennoch angemessene 8 Cent pro Minute (2,40 Euro für 30 Minuten) im ganzen Stadtgebiet an. Diejenigen, die täglich oBikes nutzen wollen, können mit einem Abo für 30 Tage zu 19,99 Euro oder für 365 Tage zu 79,99 Euro günstiger fahren. Eine Personengruppe, die aber wahrscheinlich überschaubar sein dürfte.

Mein Fazit

Grundsätzlich ist die Ausweitung von Sharing-Modellen, besonders im Hinblick auf den Verzicht auf ein eigenes Auto, sehr zu begrüßen. Die Materialschlacht von oBikes wird aber vermutlich wenig dazu beitragen. Das ist schade, auch ich hatte mich eigentlich gefreut, dank oBike im ganzen Stadtgebiet nun immer ein Mietrad in Reichweite zu finden.

Aber nicht allein die große Anzahl und damit zusammenhängende schlechte Presse ist ursächlich dafür, dass die Fahrräder häufig Unmut erzeugen. Denn wären sie angenehm zu fahren, würden sie nicht so „blöd“ ungenutzt in der Gegend herumstehen. Das Image springt übrigens auch auf den Fahrer über: Auf meiner kleinen Testfahrt begegnete mir ein Grundschüler, der sich beim Anblick meines Mühsals mit dem oBike ein Lachen nicht verkneifen konnte. Mir hingegen bleibt vor allem die Vorfreude auf die Aufstockung des Bestands an MVG-Rädern bis kommendes Jahr.

 

Bildrechte: Maximilian v. Bennigsen

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