Renault Master Z.E., Quelle: KÜS-Bundesgeschäftsstelle, 2017

Die Fahrer von Transportern dürften spätestens mit den kommenden Fahrverboten für Diesel in Städten große Probleme bekommen. Denn viele Fabrikate der bekannten Hersteller, wie Mercedes, VW oder Fiat übersteigen die erlaubten Grenzwerte für Abgase, insbesondere für NOX, um ein Vielfaches. Diese Ergebnisse lieferten Tests mit dem neuen europäischen Fahrzyklus (NEFZ), welcher unter realen Bedingungen während der Fahrt testet. Mit einem Elektrotransporter wären diese Verbote unbedeutend. Die Anzahl der Modelle jedoch ist überschaubar.

Elektrotransporter bieten eine ideale Lösung

Während die besagten Hersteller die Entwicklung von Elektrotransportern zunächst über Jahre hinweg versäumten, entwickelten mittelständische Unternehmen und Startups gute Konzepte für diese Zielgruppe. Die Deutsche Post ist das wohl populärste Beispiel. Die RWTH Aachen entwickelte den StreetScooter WORK L, welcher seit 2014 im Auftrag der Deutschen Post gebaut wird. Externe Aufträge werden inzwischen ebenfalls angenommen. Die Fahrzeuge erreichen eine Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h und haben eine Reichweite von 80 km, was für den Arbeitsalltag ausreicht. Die Aufladung an einer Schuko-Steckdose dauert 4,5 Stunden bis 80% und weitere 2,5 Stunden bis 100%. Der WORK L ist einfach und robust gebaut. Wie bei E-Fahrzeugen üblich ist der Wartungsaufwand ohnehin deutlich geringer als bei Verbrennerfahrzeugen. Das Batteriemanagementsystem lässt sich für die Optimierung der Reichweite an die Bedürfnisse des Nutzers anpassen.

Der große Erfolg und die Alltagstauglichkeit der StreetScooter haben andere Hersteller teilweise aufwachen lassen, teilweise wurden Pläne zur Konstruktion eigener elektrischer Transporter beschleunigt. Auf dem deutschen Markt sind inzwischen etwa ein Dutzend kleine, leichte und mittlere Transporter bis zur Größe eines Sprinters zu haben. Die Höchstgeschwindigkeit liegt von klein bis mittel bei etwa 40 bis 130 km/h. Die Reichweiten betragen zwischen etwa 55 und 220 km in Abhängigkeit der verbauten Akkus. Teilweise ist der Aufbau variabel und leicht zu tauschen, was die Fahrzeuge sehr flexibel einsetzbar macht. Das birgt das Potential, den Betrieben den Kauf zusätzlicher Fahrzeuge mit anderer Funktion zu ersparen.

Ein Bäcker gründet eine Selbsthilfe-Gruppe

Einige Gewerbetreibende sehen das Problem der Einfahrtsverbote für Verbrennerfahrzeuge in Städte mit großer Sorge und suchen nach elektrischen Lösungen. Ein Bäckermeister aus Nordrhein-Westfalen gründete sogar eine Selbsthilfe-Gruppe auf der Suche nach einem Elektrotransporter. Das Ziel dieser Gruppe ist es, durch einen Großauftrag in einem Zusammenschluss mehrerer Unternehmen, den Preis für den Neukauf niedrig zu halten. Die Sammlung von 100 Interessensbekundungen war das Ziel, welches nach wenigen Tagen überschritten war. 198 Bekundungen sammelte die Gruppe insgesamt. Nach einem Workshop zur Konfiguration der Fahrzeuge an die Anforderungen und der Suche nach Unternehmen, welche Verbrennerfahrzeuge umrüsten und entsprechend an die Anforderungen anpassen. Bisher bestellten 95 Unternehmen insgesamt 200 der selbst konfigurierten Elektrotransporter.

Doch welche Unternehmen, möchten ein solches Fahrzeug? Sie alle eint die Problematik der Fahrverbote für Städte und sie kommen aus den unterschiedlichsten Branchen. Es sind Betriebe aus dem Handwerk, der Elektrotechnik, der Holzverarbeitung, und der Logistik. Auch eine Stadtverwaltung und ein Unternehmen für Krankentransporte ist dabei. Manche Firmen sitzen in Österreich, Italien oder den Niederlanden.

Ein Realversuch in München

Von Anfang 2013 bis Ende 2015 wurde in München in Kooperation mit der TUM ein Realversuch durchgeführt um die Tauglichkeit von elektrisch betriebenen Renault Kangoo im Alltag von Handwerksbetrieben zu testen. Insgesamt wurden 10.024 km von 18 Betrieben an 334 Fahrttagen zurückgelegt. Durchschnittlich fuhren die Fahrzeuge 30 km am Tag, wobei die häufigsten Fahrten max. 10 km betrugen. Fahrten über 50 km wurden nur wenige durchgeführt. Mit dem Kangoo sind diese Fahrten kein Problem.

Ein parallel durchgeführter, virtueller Versuch mit 30 aufgezeichneten Fahrprofilen zeigt, dass zwischen 87,6% der Fahrten mit durchschnittlich 59,82 km mit Transportern und 94,2% der Fahrten mit durchschnittlich 39,38 km mit Lieferwagen auch elektrisch zu bewältigen sind.

Mangelware auf dem Massenmarkt?

Das Beispiel der Selbsthilfe-Gruppe, der virtuelle sowie der reale Versuch in München zeigen, dass die E-Mobilität bei Firmen und Handwerkern in Deutschland, wie auch international, ein großes Thema ist. Ein Markt für Elektrotransporter ist definitiv vorhanden und muss bedient werden. Kommende Einfahrverbote für Fahrzeuge mit Verbrennermotor in Städte stellen dabei ein noch unbekanntes Zeitfenster dar. Dabei sind flexible Lösungen für die Fahrzeuge gerne gesehen. Einige Anbieter haben inzwischen erste Modelle, welche auch sehr flexibel einsetzbar sind. Allgemein betrachtet sind E-Transporter derzeit jedoch tatsächlich eine Mangelware auf einem Massenmarkt.

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